Karsten Köhler

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Transkription

Ich stamme aus Beeskow, bin also gebürtiger Brandenburger und bin aufgewachsen zunächst im Spreewald, dann am Scharmützelsee und so dann zur Oberschule in Storkow 1953 gekommen. Und diese Oberschule in Storkow war ja, als wir sie bezogen haben, nagelneu. Wir waren Erstschüler dort.

Ich war dann im Internat in Storkow, weil vom Scharmützelsee nach Storkow jeden Morgen gehen, vor allen Dingen im Winter, wäre nicht möglich gewesen. Das heißt, wir waren im Internat. Und haben dort natürlich nicht nur DDR-Sender gehört, sondern ich hatte so einen kleinen Volksempfänger, der in unserem Zimmer stand. Und ja wir haben natürlich auch RIAS Berlin, den es ja heute gar nicht mehr gibt, gehört und wussten da natürlich immer, sagen wir mal, relativ gut Bescheid, was außerhalb der DDR passiert, beziehungsweise, was der Westen über die DDR so erzählt. Und so haben wir die erste Nachricht bekommen 1956 über den Ungarn-Aufstand. Von RIAS Berlin wurden ja zwei Empfehlungen rausgegeben. Die eine war: Macht Schweigeminuten. Und die zweite war: Stellt Kerzen in die Fenster. Das war natürlich sichtbar und ich meine auch, die DDR-Leute wussten ja, was da los ist. Denn die haben ja die gleichen Sender gehört. Und der eigentliche Anlass für die Schweigeminute war, dass RIAS Berlin verkündete, dass unter anderem Ferenc Puskás, das war natürlich unser Idol oder eines unserer Fußballidole neben Fritz Walter, dass der auf Seiten der Aufständischen gefallen sei. Ferenc Puskás war klar Honvéd Buadepest, also die Armeemannschaft, war Offizier der ungarischen Armee und ist zum Horthy-System oder zum Horthy-Regime, wie es da hieß, übergelaufen und auf Seiten der Aufständischen hat er dort in die Kämpfe eingegriffen. Und der sollte gefallen sein.

Das war der offizielle Anlass. Der zweite war ein ungarischer Olympiasieger, ein Schwimmer, ebenfalls, der sollte tot sein. Hat sich später dann als Ente herausgestellt. Aber das war der offizielle Anlass für die Schweigeminute und die haben wir in unserem Physikraum vorgenommen. Und wir haben während des Unterrichts dann durchgegeben, wir machen um zehn Uhr eine Schweigeminute. Und mit der einzigen Maßgabe, wenn der Lehrer fragt, also während des Unterrichts, wenn der Lehrer was fragt, aufstehen, aber keinen Ton sagen. Und das hat sich dann auch, bis hinten haben wir das durchgekriegt. Und genauso ist das passiert. Natürlich hat der Lehrer, Werner Mogel, unser Geschichtslehrer, der aber gleichzeitig GST-Chef war – ich weiß nicht, GST wird vielleicht nicht allen mehr was sagen -, aber der hat natürlich gemerkt, hat jemanden aufgerufen, der ist aufgestanden, ist stehengeblieben und hat keine Antwort gegeben. Und als die fünf Minuten vorbei waren, ging es normal im Unterricht weiter. Und er hat aus meiner heutigen Sicht klug reagiert. Er hat nicht einen Riesenzorrus gemacht: „Was ist hier los?“, sondern ist das übergangen, hat den Unterricht weiter betrieben. Und hat natürlich dann, klar, ist ins Lehrerkollegium gegangen und dann ging natürlich die Diskussion los: „Was war da los?“ Und in der Zwischenzeit hat es sich ja auch über die West-Berliner Sender [rumgesprochen], es gab ja nicht nur den RIAS, sondern es gab ja auch den Sender Freies Berlin, gab es ja immer noch. Und da haben natürlich auch die DDR-Leute, auch die offiziellen haben gewusst, dass da in Ungarn was los ist. Und dass die Russen einmarschiert sind. Und dass im Prinzip dort Bürgerkrieg herrscht. Ja und das war eigentlich, sagen wir mal, die Aktion. Wir haben das am nächsten Tag während einer Freistunde noch mal wiederholt. Und zwar deswegen, weil einige Schülerinnen im Wesentlichen natürlich zu Recht nachfragten: „Was soll das?“ Denn die wohnten alle nicht im Internat. Die hatten also die Diskussion, die wir vorher geführt haben, davon wussten die nichts. Und deswegen haben wir [es ihnen] gesagt und haben die überzeugt und haben das dann alle noch mal gemacht. Für uns war die Sache eigentlich damit weitestgehend erledigt. Der Ungarn-Aufstand wurde niedergeknüppelt. Und damit war es das.

Texttafel: Am 13. Dezember besucht Fritz Lange, Minister für Volksbildung der DDR, in Begleitung von zwei Mitarbeitern der Staatssicherheit die Klasse.

Er hat uns gefragt, wer war [das, nicht] warum wir Schweigeminuten gemacht haben. Das war zunächst ein Thema. Das war dann nach zwei Stunden kein Thema mehr. Es ging nur noch darum, wer ist der Rädelsführer. Wer hat gesagt: „Wir machen jetzt Schweigeminuten.“ Und da haben wir, ohne das je verabredet zu haben, haben wir uns gut überlegt, wie immer oder emotional, keine Ahnung, jedenfalls entschieden die vier letzten Schüler, das heißt die zwei letzten Reihen á zwei Schüler, die konnten sich nicht mehr erinnern, wo sie die Nachricht herbekommen haben.

Das, was Fritz Lange uns dann als, sagen wir mal, als sein Schlusswort mitgegeben hat. Wir haben jetzt acht Tage Zeit, den Rädelsführer darzustellen und das zu dokumentieren. Und dann würden wir alle unser Abitur machen können. Und das hat natürlich kein Mensch nach dem Auftritt, kein Mensch mehr geglaubt.

Ich persönlich hatte bei der Befragung durch den Minister einen großen Nachteil, das muss ihn zum anderen provoziert haben. Er hat dann gefragt, aus welchem Elternhaus man kommt. Und ich habe gesagt, ach so und was die Eltern so arbeiten, und ich habe gesagt: „Ich komme aus, mein Vater war preußischer Beamter.“ Das ging natürlich gar nicht. „Und ist im zweiten Weltkrieg in Russland gewesen.“ Und auf Nachfrage auch zugegeben, dass er Offizier war. Das war das eine. Das zweite, dass ich damit natürlich aus einem Elternhaus kam, das eigentlich zu DDR-Zeiten, zu damaligen DDR-Zeiten, eigentlich gar nicht Abitur machen sollte, denn das waren, damals war die Direktive, 80 Prozent sollten aus Arbeiter- und Bauernfamilien kommen und die restlichen 20 Prozent aus anderen. Ich war also aus der Rubrik Andere. Und Beamte nun schon gar nicht und dann Offiziere auch nicht. Und dann fragte er, was mein Vater denn beruflich macht. Und da habe ich immer geantwortet: „Meine Mutter macht das.“ Und das beim zweiten Mal nachfragen, hat er denn: „Was soll das? Ich habe nach Ihrem Vater gefragt!“ Ich sage: „Mein Vater ist in Westdeutschland.“ Und das war natürlich ganz schlimm.

Texttafel: 14 Tage später übernimmt Frau Kulakowski, Kulturbeauftragte in Cottbus, den Fall.

Dann hieß es: „Das ist ja ganz einfach. Ein Schüler hat ja die DDR verlassen, also ist der ja der Rädelsführer und [das] könnt ihr ja jetzt zugeben. Und dann ist der Fall ja erledigt.“

Und das hat ihr natürlich kein Mensch abgenommen. Und daraufhin haben wir dann gesagt: „Nein, wir haben das alle.“ Und sie hat dann wieder jeden Einzelnen gefragt. Und jeder hat im Prinzip, nachdem wir, die unten saßen, gesagt hatten: „Wir haben das alle gemacht und stehen alle dazu“, blieb den anderen wahrscheinlich auch nicht mehr so wahnsinnig viel übrig. Ob sie das alle aus voller Überzeugung gemacht haben, das lässt sich nicht mehr sagen. Erstens weiß das wahrscheinlich nach über 60 Jahren keiner mehr so ganz genau. Und zum anderen gab es natürlich auch persönliche Dinge, die dafür- oder möglicherweise auch dagegengesprochen haben. Also ich will da niemanden, sagen wir mal, im Nachhinein diskreditieren. Tatsache ist, wir haben alle dazu gestanden. Und dann sagte sie uns: „Dann verlassen folgende Schüler“, damit war klar, es werden nicht alle sein. Und dann wurden drei, klar, ich wurde als erster genannt, das war mir dann schon längst klar. Und wir mussten sofort die Klasse verlassen. Einer von uns dreien, der wie gesagt, zwei waren klar, dass die zu den drei gehören werden. Der Dritte, der war nie groß aufgefallen. Das habe ich bis und er selbst hat das bis zu seinem Tod nicht ganz verstanden, warum er der Dritte war. Aber sei es drum. Und er hat dann nochmal die Tür aufgemacht und hat gesagt: „Wir stehen trotzdem zu euch.“ Und wir sind dann von diesen Herren aus der Klasse geleitet worden und auch vom Schulgelände. Wir mussten sofort das Schulgelände verlassen. Das Lustige an der Geschichte: wir haben einen Tag später, nämlich am 21. Dezember noch, Fußball gespielt. Wir waren gar nicht mehr in der Schule. Das ist das eine. Das zweite, was ich sonst längst vergessen hätte, der 21. Dezember war Stalins Geburtstag. Das heißt, da kommen historische Daten zusammen. Das ist natürlich Zufall. Aber gut, bei diesem Fußballspiel haben wir uns dann so auf dem Fußballfeld überlegt, uns bleibt ja gar nichts weiter übrig, als nach dem Westen abzuhauen. Und haben dann die Strategie besprochen, wie wir gehen.

Texttafel: Am folgenden Tag flüchten alle 15 männlichen Schüler nach West-Berlin.

Eine Mitschülerin folgt ihnen zum Ende des Jahres.

Der damalige Kultussenator von Berlin, der Tiburtius, der hat uns da insofern sehr unterstützt. Der hat gesagt: „Ja, die müssen als Klasse zusammenbleiben.“ Und uns sind dann von den Kirchen mehrere Angebote gemacht worden, wo wir hinkönnen. Also dass wir nicht in Berlin bleiben, war klar, denn da sind dauernd Leute von der DDR oder von Russen, keine Ahnung wer, auf jeden Fall sind aus West-Berlin entführt worden. Und das Risiko war uns zu groß. Wir sind auch in West-Berlin, sowie wir das Heim verlassen haben, nie unter drei Personen, immer zu dritt vor die Tür gegangen. Und uns wurden dann drei Schulen angeboten. Und eine war diejenige in Bensheim an der Bergstraße. Und für die haben wir uns dann entschieden. Und sind dann Anfang Januar ausgeflogen worden und sind dann in Bensheim zunächst provisorisch in einem katholischen Konvikt untergekommen. Das Lustige ist da wieder, Sie sehen, also auch Ende der Fünfziger gab es schon gewisse Dinge, wir waren alle Protestanten oder sind alle Protestanten. Und ausgerechnet wir sind in einem katholischen Heim. Also das hat regional toll funktioniert. Und da haben die, sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche, haben da richtig gut zusammengearbeitet. Wir sind dann nämlich später in ein evangelisches Freizeitheim gekommen in der Nähe von Bensheim.

Wir haben dann ein und ein viertel Jahr später, also ‛58, Abitur gemacht. Und dann hat sich das Ganze etwas verflüchtigt. Jeder hat seinen Job versucht zu lernen und dann hat es natürlich Trennungen gegeben. Klar.

Texttafel: Karsten Köhler beginnt eine Lehre bei der Chemie- und Pharmafirma Merck in Darmstadt. Danach arbeitet er als Außendienstmitarbeiter.

1993 zieht die Familie nach Luckau in Brandenburg.


Wir haben das alle gemacht und stehen alle dazu.

Biografie

Karsten Köhler ist in Beeskow geboren, wächst im Spreewald und am Scharmützelsee auf und geht seit 1953 auf die Oberschule in Storkow. Wochentags ist er dort im Internat. Im Internatszimmer wird so gut wie nie etwas anderes gehört als die West-Sender RIAS und SFB. So sind die Schüler auch 1956 recht gut über den Ungarn-Aufstand informiert. Als der RIAS seine Hörer auffordert, sie sollten zum Zeichen der Verbundenheit mit den Aufständischen in Ungarn Schweigeminuten abhalten und Kerzen ins Fenster stellen, wollen sich die Schüler der 11. Klasse auch beteiligen.

Es ist allerdings vor allem eine Falschmeldung, die sie dazu ermutigt. Der RIAS hatte verbreitet, dass der Spitzenfußballer Ferenc Puskás, der sich auf die Seite der Aufständischen gestellt hatte, ums Leben gekommen sei. Alle Schüler der Klasse schweigen deshalb am nächsten Morgen aus Protest fünf Minuten während des Unterrichts.

Das kann nicht ohne Folgen bleiben. Die Schüler werden verhört, sogar der Volksbildungsminister reist dazu an. Sie sollen den oder die Rädelsführer verraten. Doch allen Drohungen zum Trotz tut das niemand. Die ersten Schulverweise folgen. Allen ist klar, dass sie in der DDR kein Abitur machen und studieren können. Statt aufzugeben, planen 16 Schüler der Klasse spontan ihre gemeinsame Flucht nach West-Berlin.

Dort können sie die Behörden davon überzeugen, dass sie als Klasse zusammenbleiben und gemeinsam an einer Schule das Abitur machen wollen. Diese Möglichkeit bekommen sie in Südhessen. Nach dem Abitur 1958 trennen sie sich, denn jeder geht nun in der Bundesrepublik seinen eigenen Weg. Karsten Köhler macht Karriere und kehrt 1993 in seine Heimat Brandenburg zurück.