Günther Wetzlaugk

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Transkription

Ich bin Günther Wetzlaugk, geboren in Lübbenau, und hab bei der Eisenbahn gearbeitet, so hieß das damals. Und das war eine Stelle, wo man Lokführer werden wollte, das war der Wunsch der jungen Leute, damals. Da kamen zwei Hilfspolizisten: „Günther,“, einer war früher ein Kollege von mir, nicht Lehrling, aber bei der Bahn bekannt, „Günther, musst mal mitkommen!“ Sind mit mir zu meinem Elternhaus gefahren mit dem Auto und dort durfte ich mir Sachen einpacken: „Pack dir das so ein, dass du auch mal Wäsche wechseln kannst, es könnte ein paar Tage dauern.“ Naja, eingepackt, bin ich ab zum Rathaus gebracht worden, am Rathaus standen schon mehrere unter Bewachung von der Deutschen Hilfspolizei, dort wurden wir auf einen Kleinwagen verladen mit acht Mann und ab zur Kreisstadt Calau gefahren. Dort war das damals GPU-Gefängnis. Nachts wurde man aufgerufen: „Hallo, Günther Wetzlaugk, komm!“ Hoch, in die erdebene Etage in keiner große Villa, und bin dort zu einem Vernehmungsoffizier gebracht worden. Der Offizier saß hinterm Schreibtisch, ich kam rein: „Guten Tag.“ Sagt er gleich zu mir: „Warum du nicht sprechen `Geil Gitler`?“ An der Tür steht ein Soldat, greift mich am hinteren Kragen, zerrt mich raus, „Idi sjuda!“, ruft er, „Komm her!“. Naja, was sollte ich nun machen? Ich hatte großen Schiss, „Heil Hitler“ kriegte ich nicht richtig raus, „Guten Tag“ auch nicht, bin reingegangen und hab gar nix gesagt. „Du nicht sprechen?“ Das war dann so in etwa die Vernehmung, und das ging laufend weiter, Hitlerjugend, wo warst du, was hast du gemacht, und Volkssturmausbildung. Eines Tages: „Du nicht sprechen Wahrheit! Lüttke sprechen Wahrheit!“ Jetzt wusste ich, warum ich das Vergnügen hatte, da zu sein. Lüttke waren Lübbenauer, zwei Brüder. Der kleine Lüttke war in unserer Klasse und der Lüttke, von dem sie sprachen, der war ganz kurz als Achtzehnjähriger eingezogen, beinamputiert worden und war dann schon wieder als Schwerstverwunderter zuhause. Da unterhielten wir uns darüber und er sagte nun als entlassener Soldat: „Ich hab noch eine Knarre, wenn sie hier reinkommen, da halten wir gegen die!“ Und ich sagte: „Ich hab auch noch eine Pistole.“ Aber das war in meinem kindlichen `Was kann ich aufhalten`. Kann nur noch mehr Schaden anrichten, wenn die kommen, die haben auch Mama und Papa. Das war dann das Ergebnis der Vernehmung, ich brauchte nicht mehr vernommen werden, ich wurde nicht mehr befragt. Im Januar wurden wir nach Cottbus gebracht und in Cottbus, sagte ich schon eben, saß ich in Zelle 36, und wurde von da dann zum Gericht verbracht. War ein größerer Raum, dort saßen ganz stramm hinterm Tisch drei Offiziere, die nahmen fast die Breite ein von drei Kaffeetischen, so stramm waren die. Und hatten Lederjacken an. Drüben saß ein Mann in Zivil auf einem Stuhl, sagte: „Sie stehen jetzt vor einem sowjetischen Militärgericht.“ Fragt erst noch meinem Namen, „Ja, bin ich.“. Babolababaolababolaba, hörte ich schon den Offizieren. Das nächste Wort war von dem Dolmetscher: „Sie sind soeben zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt.“ Nach der Verurteilung 1946 kommt Günther Wetzlaugk ins Speziallager Sachsenhausen. In Sachsenhausen reingekommen, abgeladen und in die Mitte und die Lagerstraße langmarschiert, fünf Mann nebeneinander und dann Reihe für Reihe. Auf dem Bürgersteig der Lagerstraße ging dann jeweils ein Wachposten mit einer Schießkanone. Wurden nun eingeteilt, wieder „Ras, twa, tri“ und denn ab in die Zelle beziehungsweise in den Steinbau kam ich, sechzig Mann in eine Steinbaracke. Und dann schräg rüber war noch eine zweite Mauer, wir waren außerhalb der Mauer, Lagerzone II Sachsenhausen, und da war noch eine zweite Mauer, nicht die Lagermauer vom KZ, sondern nochmal für uns für das Sonderlager. Der eine oder der andere, der hat dann beim Duschen, beim Baden gehen irgendwas geklaut, was mitzunehmen möglich war. Ne Nagelschelle aus der Wand und ne Lichtleitung. Oder ein Stück Draht, wo man eben glaubte, nicht erwischt zu werden, hat denn der eine oder andere mitgenommen. Ich habs nicht gebracht, ich war da ein Schlappscheißer. Einfach ängstlich. Und auf der Baracke wurde damit, mit dem Werkzeug, was man mitbrachte, gearbeitet. Nähnadeln, Stricknadeln. Ich hab mir dann Stricknadeln für Lebensmittel gekauft. Auf den Steinen gescheuert, Stacheldraht auf den Steinen gescheuert, bis die Spitze dran war und dann aufgeribbelt , habe ich geguckt: „Zeig nochmal.“, und scheinbar habe ich ein Händchen dafür. Davon muss einem mein Barackenältester mal was erzählt haben und dann wurde ich rausgeholt bis vorne in diesen Vorraum und dann bababa, haben die sich da erzählt, und dann musste ich mein Strickzeug zeigen. Dachte, jetzt ist es zu Ende mit mir, denkste, im Gegenteil, es wurde dann von da an besser. Ich wurde morgens rausgeholt zur Arbeitsbaracke. Das war die Baracke 10 im zweiten Lager in Sachsenhausen. Dort in den Arbeitsbaracken waren hundertzehn Leute in etwa, Männer, die die Arbeit machten, die da anfiel. Da gab es schon mittags zwei Kellen, nämlich den doppelten Schlag Suppe. Das konnte man noch gar nicht gleich schaffen, hat man den Teil stehen gelassen für später. Und da war noch eine kleine Baracke auf dem Hof, dort arbeiten zwei Schuster drin, klopften die Offiziers- und eben großen Stiefel für die Bewacher, möchte ich sagen, und machten die Stiefel, die Schuhe da zurecht. Und da wurde ich reingesetzt mit einem dritten Hocker und sollte Fußballstutzen stricken. Diese Sachen, Strümpfe ohne Füße unten und dann so mit zwei oder drei rote, wenn weiße Strümpfe sind oder grüne, dann weiße Strümpfe, Ringel reinstricken, das war meine Arbeit erstmal, hatte ich da die ganze Zeit. Wolle wurde mir geliefert. Ja, und dann waren auch Leute, das war damals die Zeit, bei denen die Pullover Norwegermuster hatten. Sterne und Rehe oder Hirsche. Und das war dann für die Offiziere. Kam denn auch mal der eine Offizier, und manche sprachen auch Deutsch und sagten: „Du Spezialist Frau!“ Und dann kriegte ich einen Sonderauftrag, der brachte mir einen Pullover, fragen Sie mich nicht, wo er her ist, war mir alles klar, vielleicht denke ich auch verkehrt. Den habe ich mir angeguckt, abgezählt, wie das gemacht wurde, wie viel Maschen von hier und dann wieder diese Farbe und diese Farbe, und fertig. Und dann habe ich die ersten Norweger gestrickt für die Offiziere. War ja schon so frei, dass ich mal über den Hof gehen konnte bis zu den kleinen Häuschen. Das habe ich dann gemacht bis zur Entlassung. So war ich da am 23. Januar: „Günther Wetzlaugk, alle Sachen, komm!“ Das ist die Vorderseite vom Entlassungsschein. Und da hinten ist der Stempel drauf zu sehen. Nach 60 Jahren, da kriege ich einen Brief, DIN A4, mit Siegel drauf: Generalstaatsanwaltschaft Moskau. War ich fast so groß wie bei der Verurteilung. Denn wir waren ja entlassen worden mit der Auflage, kein Wort auch zu keiner Behörde, auch für die Anmeldung in dem Heimatort, nix Sprechen, wo wir waren, was wir erlebt haben, was wir gemacht haben, überhaupt nix zu keinem Menschen, auch zu keiner Polizei. Wir sind nicht verpflichtet und sollen nicht darüber, durften nicht, und wir waren nicht, aber in der Form wurde uns das gesagt. Und das waren Deutsche damals, Volkspolizeioffiziere. Da war auch kein Russe mehr bei. Und wenn ich die Rehabilitierung damals mit den großen Stempeln, Generalstaatsanwaltschaft Moskau, bekommen hätte, hätte ich gar nicht sagen oder schriftlich belegen können, wo ich war, was war. Und dadurch ist man dann eben frei, rehabilitiert. Von da an weiß ich, dass man jetzt sprechen kann. Da sagte ich, dass ich ab und zu immer noch mal träume und dass ich wachgerüttelt werde: „Günther!“ Und dann geht es mir wieder gut, denn der Traum ist meist mit Schwitzen dabei. Und das ist so geblieben, nur es ist nicht mehr so hart. Ich träume heute noch von Gefangenschaft beziehungsweise von Russentransporten, Transporte mit russischer Besatzung oder Bewachung, träume ich ab und zu nochmal, aber das ist vielleicht noch drei-, vier-, fünfmal im Jahr, nicht mehr mit großem Schwitzen und Angst, es ist eben da. Auch nachts. Und das sagte mir die Frau Doktor, der ich von damals erzählt habe, und sie sagte, das wird lebenslang bleiben. Aber das ist abgeschwächt. Und wenn man wach wird, weiß man – es war einmal.

Ich träume heute noch von Gefangenschaft, von Russentransporten, Transporte mit russischer Besatzung oder Bewachung, träume ich ab und zu. Aber es ist abgeschwächt. Und wenn man wach wird, weiß man – es war einmal. 

Biografie

Günther Wetzlaugk aus Lübbenau will Lokführer werden und ist gerade bei der Arbeit, als ihn zwei deutsche Hilfspolizisten verhaften. Er sieht, dass er nicht der einzige Verhaftete an diesem Tag ist. Sie werden im Rathaus gesammelt, bevor man sie in die Kreisstadt, nach Calau, zur sowjetischen Geheimpolizei bringt.

In den Verhören geht es um seine Rolle bei der Hitlerjugend und im Volkssturm. Vom Sowjetischen Militärtribunal zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt, kommt Günther ins Speziallager Sachsenhausen. Er ist ängstlich und wagt nicht, wie andere Häftlinge, wenn irgendwo möglich einen Nagel oder etwas Draht zu entwenden. Diese Dinge brauchen die Häftlinge, um Nadeln oder andere Alltagsgegenstände herzustellen.

Er tauscht seine Lebensmittel gegen Draht und macht daraus Stricknadeln. Als er bei einer Kontrolle seine Nadeln vorweisen muss, glaubt er, nun eine Strafe zu bekommen. Stattdessen teilt man ihm einen der begehrten Plätze in der Arbeitsbaracke zu. Wer arbeiten darf, bekommt eine Kelle Suppe mehr. Ein unschätzbarer Vorteil. Sein Gestricktes hat den sowjetischen Bewacher sein Geschick gezeigt. Was er tun muss, wirkt kurios. Zuerst muss er Fußballstutzen stricken, dann Norwegerpullover für die sowjetischen Offiziere. So überlebt er Sachsenhausen bis zu seiner Entlassung im Januar 1950.

Günther Wetzlaugk soll über die Lagerhaft schweigen und er tut es. Jahrzehntelang hat er keinen Beleg dafür, dass er im Sachsenhausen war. Als er nach 60 Jahren die russische Rehabilitierungsurkunde aus Moskau zugeschickt bekommt, hält er erstmals einen Beweis in der Hand.

Dokumente

Übersicht der Unterlagen und Dokumente, die Herr Günther Wetzlaugk für das Zeitzeugen-Portal zur Verfügung gestellt hat.

Bescheinigung des Landespolizeichefs des Landes Brandenburg über
die Entlassung aus dem Speziallager Sachsenhausen vom 23. Januar 1950

Bescheinigung des Landespolizeichefs des Landes Brandenburg über
die Entlassung aus dem Speziallager Sachsenhausen vom 23. Januar 1950. Die Bescheinigung dient gleichzeitig als Fahrkarte in den Heimatort.

Deutsche Übersetzung der Bescheinigung der Militärhauptstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation vom 8. August 2002

Deutsche Übersetzung der Bescheinigung der Militärhauptstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation vom 8. August 2002 über die Rehabilitierung der Verurteilung von Günther Wetzlaugk zu zehn Jahren Freiheitentzug in Besserungs-und Arbeitslagern.

Mitteilung des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland vom 12. Juni 2006

Mitteilung des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland vom 12. Juni 2006 über die Rehabilitierung von Günther Wetzlaugk durch die russische Militärhauptstaatsanwaltschaft sowie das Original der Rehabilitierung in russischer Sprache.

 Veröffentlichung eines Beitrags der Neuen Westfälischen Zeitung vom 10. Oktober 2006