Alexander Latotzky

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Transkription

Mein Name ist Alexander Latotzky und ich bin 1948 in Bautzen im Gefängnis geboren.

Meine Mutter war bei Kriegsende 20 Jahre alt, lebte mit ihrer Mutter in Berlin zusammen und im Frühjahr 1946, als sie von irgendeiner Hamsterfahrt oder wo immer auch her nach Hause kam, fand sie ihre Mutter tot in der Wohnung. Meine Großmutter war vergewaltigt und erdrosselt worden und die beiden Täter, zwei, in den Akten heißt es zwei Personen in russischer Uniform, die lagen noch betrunken und schlafend in der Wohnung. Und weil der Krieg ja nun schon eine Weile zu Ende war, ist meine Mutter zur Polizei gegangen, hat das Ganze berichtet. Mord ist ein Offizialdelikt. Es wurden Ermittlungen angestellt, es wurden Akten angelegt, diese Akten wurden aber kurz darauf von der sowjetischen Militäradministration beschlagnahmt. Und kurz darauf nahm man meine Mutter fest, beschuldigte sie, Agentin eines ausländischen Nachrichtendienstes zu sein. Und ja die Verhörmethoden waren damals halt absolut perfekt und überzeugend. Also meine Mutter hat irgendwann gestanden, Agentin zu sein und wurde dann von einem Militärtribunal zu 15 Jahren Strafarbeitslager verurteilt. Und sie kam in das Lager nach Torgau. Dann kam sie nach Bautzen. In Bautzen kam ich dann zur Welt und wir wurden dann kurz darauf im Sommer 1948 nach Sachsenhausen verlegt. Sachsenhausen war damals das größte russische Speziallager, so hießen diese Lager und vor allen Dingen das zentrale Lager für alle Frauen mit einer geringen Haftstrafe. Und gering waren halt damals 15 Jahre und weniger. Ich war nicht das einzige Kind, in allen Lagern wurden Kinder geboren. Allerdings wurden Kinder nicht registriert und die Frauen mussten halt sehen, wie sie damit fertig werden.

1950 wurden diese Lager aufgelöst. Ein Teil der Häftlinge wurde entlassen. Der Teil, die Leute, die wie meine Mutter durch ein Militärgericht verurteilt wurden, wurden nicht entlassen, sondern an die DDR übergeben zur weiteren Strafverbüßung. Wir waren noch 42 Kinder in Sachsenhausen. 30 von denen, also ungefähr 30 und 1.200 Frauen, wir wurden an die DDR übergeben und kamen nach Hoheneck in das größte Frauengefängnis. Die DDR war auf Kinder im Strafvollzug nicht vorbereitet. Wir störten den Tagesablauf und so wurden dann eines Tages alle Kinder in zwei getrennten Aktionen den Müttern weggenommen. Die kamen nach Leipzig in ein Krankenhaus in der Waldstraße und wir waren plötzlich Waisenkinder. Das heißt, wir hatten keinen Namen, kein Geburtsdatum. In den Akten der DDR wurden wir wirklich als Kinder der Landesregierung bezeichnet. Die Leiterin des Krankenhauses, Frau Naumann, ich habe ihre Akten später im Archiv des Diakonischen Werkes gefunden, Frau Naumann stand vor dem Problem, dass Kinder ohne Namen, ohne Geburtsdatum keine Lebensmittelkarten bekamen, die gab es in der DDR noch bis 1958. Und es war der Polizeipräsident von Leipzig, Winkelmann, der hatte eine ganz tolle Idee, der schickte jemanden vorbei mit Blechmarken, da war die Haftnummer der Mutter eingestanzt. Und die wurde den größeren Kindern um den Hals gehängt, bei den kleineren ans Bett gehängt. Und wer eine Nummer und eine Identität hatte, der bekam endlich Lebensmittelkarten. Im Herbst 1950 wurden dann plötzlich Akten angelegt. Anhand der Nummer konnte man den Namen des Kindes zurückverfolgen, das heißt, jedes Kind bekam seinenNamen zurück. Allerdings wurde bei allen Kindern, auch bei mir, als Geburtsort Leipzig Waldstraße eingetragen. Das war mein Geburtsort, als ich in der DDR lebte.

1954 war ich dann mal für einige Zeit nicht in einem Kinderheim, sondern bei einer ganz normalen Familie. Die wollte mich gerne adoptieren. Und meine Mutter im Gefängnis wurde informiert, war völlig verzweifelt und dann kam die Stasi, machte ihr ein ganz tolles Angebot. Wenn sie bereit wäre, als Informantin für die Stasi zu arbeiten, da würde man diese Adoption aufhalten. Meine Mutter hat unterschrieben und ich kam auch zurück ins Kinderheim.

Sie selbst wurde dann 1956 begnadigt, nach zehn Jahren. Sie wurde mit Erlaubnis von Erich Mielke, der war damals erst Vizechef der Stasi, an den KGB übergeben, an die sowjetischen Freunde, weil sie russisch sprach, sie war Dolmetscherin für Russisch. Und der gab ihr dann den Auftrag, sie sollte nach West-Berlin gehen und in West-Berlin die Exilorganisation der Russen und die russische Kirche am Hohenzollerndamm ausspionieren. Allerdings gab es ein Problem dabei. Man war sich nicht sicher, ob sie ihren Auftrag auch wirklich erfüllen würde. Und das waren Feldwebel Süß und Oberstleutnant Hutter von der Stasi, die also die ganz tolle Lösung hatten. Sie schlugen vor, wir brauchen ein Faustpfand, das heißt, ich blieb als Geisel in der DDR zurück. Die Leitung des Kinderheimes wurde auch informiert, mich an niemanden abzugeben und nur meine Mutter durfte nach West-Berlin gehen. 1957 waren dann KGB und Stasi überzeugt, sie ist eine gute Agentin und ich wurde dann plötzlich unter der Woche gebadet, was ungewöhnlich war, weil Baden war immer nur am Wochenende und auch alle 14 Tage nur. Ich bekam einen nagelneuen Trainingsanzug, der mir viel zu groß war und wurde dann, ja als ich gebadet wurde, genau, da habe ich dann noch gefragt, was los ist. Und da hieß es einfach nur: „Du kommst morgen nach Hause.“ Dann, hier in West-Berlin, auf dem Bahnhof Friedenau, S-Bahnhof, als ich aus der S-Bahn ausstieg und diese Treppenkante kam, da geht so eine Treppe weit runter, da stand unten so eine kleine Frau und ein großer Mann und ein Hund. Und die kleine Frau rannte die Treppe hoch, ich habe jemanden niemals wieder so schnell rennen sehen und riss mich in die Arme und heulte die ganze Zeit und erzählte mir, sie wäre meine Mutter. Und ich konnte mit der Frau gar nichts anfangen. Für mich war die eine völlig Fremde, ich habe die mit „Sie“ angesprochen, wie jeden Erwachsenen. Aber sie war nett zu mir, dafür bist du auch mal nett, da bist du in der DDR immer für gelobt worden. Ich wollte der Frau ein bisschen imponieren, weil sie nett war und ich habe dann gesagt: „Wenn ich groß bin, will ich Volkspolizist werden.“ Was bei ihr gar nicht gut ankam. Sie meinte: „Darüber reden wir noch.“ Sie hatte ja noch zehn Jahre Zeit gehabt, mir den Volkspolzisten auszureden. Sie ist dann zehn Jahre später gestorben, mit 41 Jahren, an den Krankheiten der Haft. Für den KGB oder für die Stasi hat sie nie wirklich gearbeitet. Kaum war ich im Westen, stellte Oberst Trudnikow vom KGB fest, dass alle ihre Berichte erfunden waren. Aber ich war im Westen und er konnte die Frau nicht mehr unter Druck setzen und hat dann die Beziehung sofort abgebrochen. Ja, das war natürlich eine völlig fremde Welt, in die ich gekommen bin. Also das letzte Heim war wie gesagt im Erzgebirge, im tiefsten Erzgebirge. Plötzlich stand ich in einer Großstadt mit Straßenbahn, mit pulsierendem Leben. Es war schon nach Mitternacht, als ich da angekommen bin. Meine Mutter wohnte da gleich um die Ecke, sie hat schon vorher geheiratet, das war auch dieser Mann, der dastand und sie hatten eine Wohnung. Und ich bekam dann, wir sind dann in die Wohnung, ich bekam dann mein eigenes Zimmer und habe dann die erste Nacht total panisch reagiert. Also wie, das war so still, so ruhig in den Zimmern. Ich habe Panik bekommen. Ich kannte ja davor bloß immer Schlafsäle, wo irgendeiner gestöhnt hat, wo irgendeiner gehustet hat, da war immer irgendwelche Unruhe und auf einmal war es mucksmäuschenstill. Und ja, das ganze Leben, also ich durfte auf einmal – ohne zu fragen – auch auf die Toilette oder in die Küche zu gehen und mir was zu essen machen. Das kannte ich alles gar nicht und ich habe das eigentlich ja ganz pragmatisch gelöst. Kinder sind ja sicher manchmal pragmatisch, was man nicht lösen kann, ich habe einfach gedacht, ich bin in der DDR im Heim immer Sascha genannt worden und auch die alten Hoheneckerinnen kennen mich noch unter dem Namen Sascha und ich habe dann von heute auf morgen gesagt: „Ich bin nicht mehr Sascha, ich bin Alex. Einfach ein ganz anderer Mensch. Sascha ist vorbei, ich bin Alex und jetzt ist was völlig Neues.“ Ich habe mit Sicherheit nicht diese Beziehung zu meiner Mutter gehabt, die ich zu meinen Kindern gehabt habe, die mit mir aufgewachsen sind und so oder mit denen, die mit mir aufgewachsen sind. Aber, also ich denke, wir haben es relativ gut geschafft, eine Beziehung aufzubauen. Ich habe zum Vergleich immer die Anderen, die ähnliche Geschichten erlebt haben wie ich, die also das nie geschafft haben. Also ich kenne Kinder, die haben mit, genauso wie ich, mit neun Jahren ihre Mutter wiedergefunden und sind mit vierzehn Jahren von Zuhause ausgezogen und die Mutter weiß heut noch nicht, wo das Kind, was aus dem Kind geworden ist. Also, es ist ja, man muss sich das auch mal so vorstellen. Es ist ja für beide Seiten ein schwerer Akt. Für das Kind, sich auf einmal jemandem anzuvertrauen und für die Mutter, die also das Kind oft nicht mal freiwillig bekommen hat. Dann wurde ihr das mit halbem Jahr oder mit ein paar Monaten weggenommen, dann taucht auf einmal vier Jahre später bei der Entlassung, steht da auf einmal so ein Kind vor dir und du sollst auf einmal jetzt so eine Beziehung zu dem aufbauen.

Texttafel: Alexander Latotzky wird Feinmechaniker und macht sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg. Er studiert, denn er will Sport- und Kunstlehrer werden. Kurz vor dem Abschluss hat er einen Sportunfall.

Habe seitdem eine Behinderung im rechten Knie und konnte nicht mehr weiter Sport studieren. Hätte ich mir jetzt wieder ein neues Fach suchen müssen, Hauptfach, weil Kunst war mein Nebenfach. Da ich aber schon als Trainer tätig war und ich war dann auch später Bundestrainer der Frauen-Nationalmannschaft, habe ich dann das Studium aufgegeben, nicht mehr abgeschlossen. Ich habe dann auch Unterricht gegeben an Volkshochschulen und anderswo in der Erwachsenenbildung und das konnte man damals auch ohne Abschluss machen. Ja, also ich habe nicht mal einen Studienabschluss.

Für mich war eigentlich entscheidend, nicht jetzt der Mauerfall, sondern dieser Tag der Wiedervereinigung. Der Tag war für mich eigentlich viel entscheidender, weil alle sind zum Brandenburger Tor gefahren. Da gab’s ja diese große Feier und ich habe meinen Kindern einen Tag vorher gesagt: „Leute, morgen fahren wir nach Sachsenhausen.“ Ich weiß nicht, warum ich das gesagt habe, das war so eine ganz spontane Idee aus dem Bauch raus, denn meine Kinder wussten nichts von meiner Geschichte. Ich habe auch keinen Grund gesehen, denen irgendwas zu erzählen. Meine Frau wusste so ein bisschen was wegen dieser fehlenden Geburtsurkunde. Ich hatte ja nur so eine provisorische Geburtsurkunde, aber ansonsten wusste keiner was davon. Und dann sind wir nach Sachsenhausen gefahren und als ich dann mit meiner Familie an diesem berühmten Sonntag dann durch ein Lagertor durchging, kam dann die ganze verdeckte Erinnerung an meine Kindheit zurück. Also man denkt ja nicht jeden Tag an sowas, also dann würde man ja verrückt werden. Und ich war dann ständig am Heulen, als ich da rumgegangen bin. War mir natürlich peinlich, vor meinen Kindern zu heulen, bin immer so zehn Schritte vor denen hergelaufen und habe dann angefangen, das aufzuarbeiten. Ich wollte wissen, was bewegt mich hier eigentlich so. Ich habe ja keine Erinnerung an Sachsenhausen, will ich auch gar nicht haben. Aber ich war aufgewühlt, ich wollte jetzt wissen, was ist los und habe dann angefangen, zu recherchieren, und das, wie gesagt, das Ganze wäre mir, das ganze Aufarbeiten meiner Geschichte wäre mir nie passiert, wenn die Mauer noch weiter gestanden hätte. Also insofern war für mich dieser 3. Oktober ein einziger Glücksfall.

Dann kam 1997 ein Anruf: Beide Akten über meinen Vater wurden gefunden, was ich ja dann sehr seltsam fand, weil ich von meiner Mutter eigentlich wusste, dass mein Vater ein russischer Wachsoldat war, den man angeblich für die Beziehung zu einer Deutschen zum Tode verurteilt hat. Also der Mann war tot, es gab keinen Grund, zu suchen. Ich bekam dann diesen Anruf, bin dann zum Roten Kreuz hier in Berlin, zum Suchdienst und bekam dann die Akten vorgelegt und da stand dann unter anderem der Name meines Vaters drin, den ich gar nicht kannte. Und ich stellte fest, er wurde gar nicht zum Tode verurteilt, wie man meiner Mutter erzählt hat. Die hat das wirklich geglaubt, und es waren dann halt nur sechs Jahre Sibirien. Und ich habe dann nach einigem Zögern angefangen, nach ihm zu suchen. Eigentlich dachte ich mir, das macht keinen Sinn, wenn jemand in den Gulag geschickt wird, wir wissen ja die Todeszahl aus den Gulags, das macht keinen Sinn, aber ich habe dann doch angefangen, nach ihm zu suchen.

Texttafel: 1999 bekommt Alexander Latotzky einen Brief von seinem Vater, der ihn nach Russland einlädt.

Also es war so, wir sind nach Russland gefahren, meine Frau und ich, mit dem Auto. Wir kamen an die Grenze und mussten da ziemlich lange warten und kamen dann abends, es war schon nach acht Uhr oder so, sind dann endlich durchgekommen und dann kam also ein junger Mann auf mich zugerannt, der hat mich am Kennzeichen erkannt, das war mein Stiefbruder, wie ich dann später erfahren habe und gab mir zu verstehen, ich sollte eben mit dem Auto folgen, weil es war einspuriger Grenzübergang, die hupten auch schon alle hinter mir. Und er ist dann in ein Auto gestiegen, fuhr los, ich bin hinterhergefahren und auf dem nächsten Parkplatz ist er dann rausgefahren und dann stieg so ein alter Mann aus dem Auto aus. Ja wir sind uns in die Arme gefallen und mehr weiß ich nicht. Es war also wirklich so, dass ich total überwältigt war. Meine Frau ist dann bei meinem Stiefbruder ins Auto gestiegen, mein Vater ist bei mir ins Auto gestiegen. Wir mussten ja noch eine ganze Strecke fahren bis zu seinem Haus und er sprach die ganze Zeit und erzählte und erzählte und ich kann kein russisch. Ich habe kein Wort verstanden. Und irgendwann hat er auch aufgegeben, hat er nicht mehr erzählt. Wir sind dann – ich sag immer – so durch die sternenklare Nacht sind wir dann schweigend mit dem Auto weitergefahren. Er ist dann auch mal nach Deutschland gekommen, ich habe ihn eingeladen. Er wollte eigentlich nicht kommen, aber ich habe gesagt, wenn du deine Geschwister, deine Enkelkinder sehen willst, dann musst du nach Deutschland kommen und wir haben dann so die ganzen alten Orte aufgesucht, wo er gewesen ist. Also wir waren in der Stadt Brandenburg und da habe ich ihm dann auch ein Gespräch vermittelt mit dem Stadtarchivar. Es gibt ja diese Entschädigung für Zwangsarbeiter. Die ist ja nun ein Hohn, kann man schon fast sagen, aber ich wollte ihm wenigstens helfen, dass er die bekommt. Und da gibt es ja keine Unterlagen, weil die Stadt Brandenburg kurz vor Kriegsende bombardiert worden ist, aber es gibt diese Möglichkeit der Glaubhaftmachung. Das heißt, er hat mit dem Stadtarchivar ein Gespräch geführt und der war dann davon überzeugt, er hat so viele Details geschildert, die kann er nur erzählen, wenn er auch wirklich hier gewesen ist und deswegen bekam er dann auch diese 1.500 Dollar Entschädigung für seine Zeit hier als Zwangsarbeiter. Wir waren in Buchenwald, wo er als Wachsoldat gewesen ist. Wir waren in Torgau, wo er meine Mutter kennengelernt hat. Also wir haben diese ganzen Orte noch einmal aufgesucht. Er selbst ist dann 2004 gestorben mit 79 Jahren.

Ich bin ja auch dann 2004 rehabilitiert worden von der russischen Militärstaatsanwaltschaft. Im Gegensatz zu den deutschen Behörden haben die Russen da in der Beziehung eine realistischere Ansicht, auch wenn ich nicht verurteilt wurde, aber Angehörige leiden ja auch darunter und da ich ja selbst auch inhaftiert war, bin ich also dann 2003 genauer gesagt anerkannt worden als Opfer politischer Gewalt. Das bringt mir nichts, aber mir war es unheimlich wichtig, meine Mutter und auch mich rehabilitieren zu lassen, weil ich einfach wollte, dass dieses System russisch, Sozialismus oder Sowjetunion zugibt, Unrecht getan zu haben. Darum ging es mir nur, nichts anderes. Weil es ja immer noch viele Leute gibt, die sagen: „Naja das ist die Zukunft gewesen, leider ist es zerstört worden und durch den Kapitalismus, aber wenn es hätte weitergehen können, dann wäre es doch die traumhafte Welt geworden.“ Nein, das war sie nicht. Sie hat genauso viele Opfer auf dem Gewissen wie andere Diktaturen.

Texttafel: 1997 trifft Alexander Latotzky zum ersten Mal andere Mütter und Kinder, die zur selben Zeit wie er im Lager waren.

Das war irgendwie bewegend, also ich weiß noch, wir saßen da alle um einen großen Tisch rum und jeder erzählte so seine Geschichte und neben mir saß eine Frau in meinem Alter und die schob mir irgendwann so ein Foto rüber und da waren fünf Kinder drauf und sagte: „Kennen Sie da jemanden von?“ und ich guckte rauf und sagte: „Ja, das bin ich.“ Ja wenn man nur fünf Fotos hat – ich hatte nur noch fünf Fotos aus der ersten Zeit -, dann weiß man, wie man ausgesehen hat und dann sagt sie: „Ja, das daneben bin ich.“ Und dann stellt sich heraus, dass wir zusammen im selben Kinderheim waren, im selben Lager waren und links von mir saß eine Frau, eine ältere Frau, die hörte schon die ganze Zeit unser Tuscheln und meinte dann irgendwann: „Bist du Sascha?“ Und das hat mich umgehauen. Weil diesen Namen kannte keiner. Den Sascha habe ich abgelegt, der war ja tot. Nicht mal meine Frau kannte den Namen Sascha. Und das war eine Frau, die auch ein Kind hatte und die mich halt aus der Zeit kannte. Und so bin ich dann zu diesem Forschungsprojekt gekommen. Also ich bin überredet worden, da noch weiterzuarbeiten, nicht bloß über mich, sondern auch über andere Kinder zu schreiben. Habe dann, 1999 haben wir dann ein neues Treffen gemacht und seitdem machen wir eigentlich jedes Jahr ein Treffen von Müttern und Kindern aus den Lagern, immer an verschiedenen Orten. Inzwischen sind es fast nur noch Kinder, keine Mütter mehr, logischerweise. Wir versuchen dabei natürlich immer wieder auch der Öffentlichkeit zu berichten, was gewesen ist, weil, ich sag immer, jeder der in der DDR aufgewachsen ist, kennt die Geschichte von Jerzy Zweig, dem Kind von Buchenwald, aber kaum jemand in der DDR wusste, dass nach ‘45 auch Kinder in Buchenwald, in Sachsenhausen, anderswo waren, die genauso unschuldig waren.

Ich habe mir immer gesagt, ich will mir nicht von dem – was gewesen ist – meine Zukunft verderben, mein Leben verderben. Also die, die sollen es nicht schaffen, mir mein Leben zu versauen, sondern ich weiß, was gewesen ist, ich kann es, ich vergesse es auch nicht, aber es soll nicht mein Leben bestimmen. Ich wollte also eigentlich schon von Anfang an, kaum dass ich hier im Westen war, eigentlich nichts anderes als ein ganz normaler Mensch, ein ganz normales Kind werden, also auch schon damals. Anfangs bist du immer bedauert worden: „Ach das arme Kindchen, was hat das alles hinter sich.“ Nein, das wollte ich nicht. Ich wollte eben auch kein Mitleid. Ich wollte einfach nur ganz normal respektiert werden, wie jeder andere auch. Und ich denke mir, dass ich das auch einigermaßen geschafft habe.


Ich habe mir immer gesagt, ich will mir nicht von dem – was gewesen ist – meine Zukunft verderben, mein Leben verderben…. ich weiß, was gewesen ist, ich vergesse es auch nicht, aber es soll nicht mein Leben bestimmen.

Biografie

Seine Mutter Ursula zeigte 1946 die Vergewaltigung und den Mord an ihrer Mutter durch zwei sowjetische Soldaten an. Daraufhin wird sie von der sowjetischen Militäradministration verhaftet und als Agentin von einem Militärtribunal zu 15 Jahren Strafarbeitslager verurteilt. Im Speziallager Torgau trifft sie einen jungen Ukrainer, der mit 18 Jahren als Zwangsarbeiter nach Brandenburg verschleppt wurde und nun als Wachsoldat dient. Beide beginnen eine Liebesbeziehung. Als Ursula 1948 schwanger wird, wird sie zur Entbindung in das Lager Bautzen verlegt, hier kommt Alexander zur Welt. Der Vater wird in den Gulag verbannt.

Nach der Entbindung kommen Mutter und Kind ins Speziallager Sachsenhausen. Als die Speziallager 1950 aufgelöst werden, kommen sie ins Frauengefängnis Hoheneck, wo man die Kinder von den Müttern trennt. Alexander ist nicht das einzige Kind hinter Stacheldraht. Er durchläuft diverse Kinderheime.

Die Staatssicherheit erpresst die inhaftierte Mutter. Ihr Kind würde zur Adoption freigegeben, wenn sie nicht als Informantin arbeiten würde. Sie will ihr Kind nicht verlieren und willigt ein. Dazu wird sie 1956 begnadigt und vom sowjetischen Geheimdienst nach West-Berlin geschickt. Hier soll sie Exilorganisationen und die orthodoxe Kirche ausspionieren. Alexander bleibt hingegen als „Faustpfand“ weiter im Kinderheim. Erst 1957 darf er zu seiner ihm völlig fremd gewordenen Mutter.

Kurz darauf erkennen KGB und Stasi, dass ihre Berichte Erfindungen waren und brechen, da kein Druckmittel mehr vorhanden war, die Beziehung ab. Ursula stirbt zehn Jahre später mit 41 Jahren an den Spätfolgen der Haft. Alexander studiert für das Lehramt und arbeitet erfolgreich als Rugbytrainer und in der Erwachsenenbildung.

Am Tag der Deutschen Einheit 1990 beginnt er mit der Aufarbeitung seiner Geschichte und forscht zu den Schicksalen der Lagerkinder. Für seine Arbeit erhält er 2010 den Bürgerpreis zur Deutschen Einheit und 2019 das Bundesverdienstkreuz. Das an ihm und der Mutter begangene Unrecht wird vom russischen Staat vollständig rehabilitiert. Schließlich findet er 2000 auch seinen tot geglaubten Vater in Russland, der jedoch schon 2004 stirbt.

Dokumente

Übersicht aller Unterlagen, Dokumente und Fotos die Herr Alexander Latotzky für das Zeitzeugen-Portal zur Verfügung gestellt hat.

Rehabilitierungsbescheinigung der Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation vom 30.06.2003 (Russisch und Deutsch)

Rehabilitierungsbescheinigung der Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation vom 30.06.2003 (Russisch und Deutsch)

Übersetzung der Rehabilitierungsbescheinigung der Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation vom 30.06.2003

Übersetzung der Rehabilitierungsbescheinigung der Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation vom 30.06.2003

Rehabilitierungsbescheinigung der Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation (Hauptmilitärstaatsanwaltschaft) vom 10.04.1995

Rehabilitierungsbescheinigung der Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation (Hauptmilitärstaatsanwaltschaft) vom 10.04.1995

Deutsche Übersetzung der Rehabilitierungsbescheinigung der Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation (Hauptmilitärstaatsanwaltschaft) vom 10.04.1995

Deutsche Übersetzung der Rehabilitierungsbescheinigung der Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation (Hauptmilitärstaatsanwaltschaft) vom 10.04.1995

Auszug aus dem Urteil wegen Spionage gegen Ursula Hoffmann vom 23.01.1950

Auszug aus dem Urteil wegen Spionage gegen Ursula Hoffmann vom 23.01.1950

Foto von Ursula Hoffmann, Mutter von Alexander Latotzky, undatiert

Foto von Ursula Hoffmann, Mutter von Alexander Latotzky, undatiert