Klicken Sie auf das Bild, um das Interview abzuspielen.
Transkription
Frage: Bitte erzählen Sie mir etwas von Ihrer Kindheit und Jugend. Wann wurden Sie geboren und wo wuchsen Sie auf? Was war für Sie als Jugendlicher prägend?
Herr Michalke: Also von der Erzählung her kann ich ganz früh anfangen – im Mutterleib -, wohnte meine Mutter in Berlin. Oder meine Eltern. Und dort: durch Brandbomben wurde Berlin beschossen und von Flugzeugen angegriffen. Und da musste meine Mutter im Schwangerzustand mit meinem Bruder die Betten nehmen, aus dem Haus gehen und haben sich an der Friedhofsmauer hingelegt. Und dort war so ein großer Sturm, dass mein Bruder gar nicht alle Funken abmachen konnte, dass die Betten nicht angeschmort waren. Nach diesem Brandüberfall wurde meine Mutter evakuiert in ihre Heimat: Stegers, Pommern. Musste sie hinfahren, um zu entbinden. Weil die Wohnung kaputtgeschossen war. Mit meinem Bruder zusammen. Der war damals knappe fünf Jahre. Und dann ist sie zu ihren Eltern nach Stegers, Kreis Schlochau, gefahren mit der Bahn. Und dort wurde ich geboren. Und meine Mutter hatte auch lange eine Rippenfellentzündung und musste nach meiner Geburt auch im Krankenhaus verweilen. Da meine Oma aber sieben Kinder hatte, also sieben Töchter, hatte die dafür gesorgt, dass ich eben Milch trinken konnte. Die hat mich also in Obhut genommen. Und kurze Zeit nach meiner Geburt, nach ‘44, da hieß es dann im Ort: Alle Frauen mit kleinen Kindern sofort los, flüchten. Weil die Polen wurden vor den Russen hergetrieben. Und die kamen. Und die waren in Sicht. Und die Deutschen sollten flüchten. Meine Mutter nahm wieder ein Bett, ein Herrenfahrrad. Und ich wurde in dieses Bett eingemummelt, mit Riemen festgeschnürt. Und dann ging es nach Hamburg. Ja. Und davon weiß ich nur, dass Mutter immer erzählt hat, dass ihr Schutz gewesen ist, dass ich da auf dem Fahrrad war, dass sie nicht vergewaltigt wurde.
Und dann war das so: Mein Vater war lungenkrank. Der kam aus dem Krieg. Der hat den Frankreichfeldzug mitgemacht. Und noch in Polen. Und dadurch hat er sich eine Lungenentzündung geholt. Da er bei der Reichsbahn angestellt war, hatte er das Glück, dass in Bernau Behelfsheime von der Reichsbahn gebaut wurden für Kriegsgeschädigte. Und da war das dann soweit, dass wir in zwei Räumen eine Unterkunft bekommen hatten. Das waren Behelfsheime. Und da bin ich aufgewachsen.
Und noch ein Ereignis, dass eben mein Vater dann, wie ich fünf Jahre alt war, im Hause im Sterben lag wegen seiner Lunge. Und Mutter ist losgefahren nach Berlin, seine Schwester zu benachrichtigen. Damals gab es ja kein Telefon oder so. Und ich war alleine zuhause. Und habe das also miterlebt. Da hat er sich bei mir verabschiedet. Und hat gesagt, ich sollte, wenn ich mal groß bin, netter zu meiner Frau sein, wie er. Er war ein Waisenkind gewesen. Und hatte auch viel Prügel bekommen.
Und in Bernau bin ich aufgewachsen. Fühlte mich da ganz wohl. Dann wurde ich 1950 eingeschult. In eine Holzschule in Bernau. Grundschule. Das war eigentlich superschön. Ja. Da waren dann auch noch alte Lehrer von früherer Zeit. Und da war das auch noch so, dass dann immer noch geschlagen wurde mit dem Stock. Und ich war auch sehr vorlaut gewesen. Also ich musste dann oft vor die Klasse treten, die Hände hinhalten. Und dann gab es Stockhiebe drauf. Und der älteste Lehrer, der war schon über 70, den nannten wir dann Knochenbrecher. Der ging dann bei Diktaten durch die Reihen, und wenn der von hinten kam und einer hat erzählt, gequatscht oder abgeschrieben, dann kam der an der Seite vorbei und hat den einen vor die Brust gehauen. Hier richtig mit der Faust, ja? Dass sie aufhören zu sprechen. Ich meine, so eine Situation, das kennt ja heute keiner. Aber wie gesagt, wir haben uns das nie getraut, zu Hause zu erzählen.
Dann habe ich die achte Klasse gemacht. Also Mutter konnte sich das nicht leisten. Mutter war ja alleine. Die hat Achselklappen genäht für die Volksarmee, damals in Heimarbeit. Dann ging es weiter. Dann Schulabschluss 58, mittelmäßig. War locker. Aber aus dem Grunde, weil ich nur eine Mutter hatte, musste ich arbeiten. Also ich konnte nicht bis zur zehnten Klasse gehen. Ich war da immer noch sehr klein. Ich konnte in der S-Bahn gar nicht über diese Abschirmwand gucken. Ich musste mich auf Zehenspitzen stellen. So fing ich an zu lernen, in Bernau bei der Firma Strese. Eine gute Autowerkstatt, nebenbei gesagt. Wir waren dort neun Angestellte. Und ich war nur der Stift gewesen. Wenn ich in die Grube musste und am Auspuff oder sowas schrauben, dann musste ich mir immer zwei Kästen Bier da unterstellen, damit ich überhaupt oben rankam.
So ging das los. Die Arbeit hat schon Spaß gemacht. Weil man dann was gekriegt hat, also einen Fünfer oder einen Zehner. Und das war damals schon was. Ich wollte damals schon meinen Meister machen. Und dann habe ich überlegt, dann geht es ja nur über die Abendschule. Ich bin dann nach Pankow zur Abendschule. Habe dort meine zehnte Klasse nachgemacht und schon im Mai ‘61 meine Gesellenprüfung. Und ich hatte das Glück, dass der Chef mich ab dem Moment auch als Gesellen bezahlt hat. Also das war für mich schon ein großes Ereignis.
Über die Berufsschule. Also da bin ich dann schon zur Abendschule gegangen. Und über die Berufsschule hatten wir uns verabredet, zum Abschluss zur Ostsee zu fahren. Es ergab sich, dass ein Berufsschullehrer die Reise geleitet hat. Und wir sind dann, bevor wir unseren Gesellenbrief kriegten, da nun hingefahren. Ja, und da kam dann dieses Ereignis: Wir liegen am Strand. Wunderbar. Und hörten dann im Radio: Ach, du meine Güte. Die wollen eine Mauer machen. Und wir natürlich ganz unbewusst: Naja, also das können sie mit uns doch nicht machen. Wir kommen da sowieso noch rüber. Und so. Und dann war das so, dass wir noch ein paar Tage da waren und dann zurückgereist sind. Und da war dann das große Dilemma, also da war zu. Also wir wollten noch ins Kino gehen, Gesundbrunnen. Das war ja noch immer alles offen. Also, was ich vorhin nicht erzählt hatte, dass wir oft in Bernau von der Schule abgehauen sind, die wir jünger waren. Aus dem Fenster konnten wir da klettern, wenn Russisch war. Dann sind wir zum Bahnhof gerannt und dann hier zum Wedding ins Kino, Cowboyfilme gucken. Und wir wollten jetzt noch mal in das Kino gehen, nach Gesundbrunnen. Und das war dann aber Feierabend.
Frage: Wie entstand bei Ihnen der Gedanke, dass Sie die DDR verlassen wollen?
Herr Michalke: Der Gedanke bestand darin, dass meine Frau Brustkrebs hatte. Den Brustkrebs hatte ich entdeckt, hat einen kleinen Knubbel in einer Brust gehabt. Sie war Krankenschwester. Wir hatten 1965 heiraten müssen. Damals gab es keine Wohnungen. Sie mussten sich anmelden. Dazu wäre ich nie gekommen. Ich war also gezwungen, mir selber ein Grundstück oder Haus zu besorgen. Ne Wohnung hätte ich zu der Zeit nie gekriegt. Und um das Haus zu bekommen, musste ich wiederum heiraten. Ja. Und dann habe ich von einer alten Dame über meine Mutter – also das war so eine Familienbeziehung – gehört, dass ihr das zu viel Arbeit ist. Und ja, das würde sie mir verkaufen. Und die Tochter, die noch lebte, die da Anspruch hatte, die hatte auch kein Interesse. Und dann war das getaxt. Und dann habe ich damals das Haus gekauft, so wie das hier abgebildet ist. Also da hat im Krieg auch ‘ne Bombe den Dachstuhl weggefetzt. Und das Besondere war, 2.400 Quadratmeter Obst, Obstbäume, ein großer Karpfenteich drin. Ja das war natürlich eine ganz tolle Sache.
Ich habe dann 1968 meine Meisterprüfung gemacht. Und bis dato hatte ich dann schon den Dachstuhl aufgesetzt und gebaut und auch die Garage gebaut. Und eigentlich wollte ich mich selbstständig machen auf meinem eigenen Grundstück. Da habe ich auch nach Feierabend Autos repariert oder aufgebaut.
Dann kamen, wie gesagt, die Kinder zur Welt. Sie sind ‘67 und ‘69 geboren, zwei Jungs. Ich war ich happy. Und dann habe ich meine Werkstatt gekriegt, also Werkstatträume. Da fing ich an, Autos für Behinderte umzubauen. Und dann dachte ich: Naja, dann nach Karow. Weil in Buch die Querschnittsgelähmten Sport gemacht hatten und da auch aus dem Krankenhaus rauskamen. Und da wir auch gewohnt haben in der Nähe, half mir das dann ganz gut. Und dann habe ich mein Gewerbe anmelden wollen. Was damals schwierig war. Ich war also mit einer der ersten, die sich nach den Zwangsenteignungen überhaupt selbstständig machen durften. Die Arbeit hat mir sehr großen Spaß gemacht, weil Sie ja da viele Sachen erleben. Wie eine feine Dame mit viel Schmuck am Körper sagt: „Ob ich ein Auto umbauen könnte? Ihr Mann hat einen Jagdunfall gehabt und sie will den überraschen. Wenn der aus dem Krankenhaus kommt, dass ein umgebautes Auto dasteht.“ Damals musste man auf den Wartburg acht Jahre warten, auf einen Trabi zehn Jahre bei Bestellung. Und die hat den aber gleich gekriegt. Und die hat immer gesagt: „Ja, wenn Sie mir den Gefallen tun, ich engagiere mich.“ Und wie gesagt, Auto umgebaut. Und dann sagte sie: „Herr Michalke, wenn Sie wollen, kommen Sie mal nach Pankow. Ich habe da für Sie was. Melden Sie sich in einem Zimmer sowieso.“ Und da machte mir eine Dame eine die Tür auf und sagte: „Wer?“ „Ja, ich bin Michalke.“ „Ja, ja.“, sagt sie. „Kommen Sie mal rein.“ Und da passierte folgendes: Armeegeneral Hoffman geht durch die Gänge. Und da sehe ich das erst, dass das alles beschlagnahmte Waren waren vom Zoll. Der Armeegeneral Hoffmann lief da mit zwei Soldaten. Und packte immer ein: Glassachen, also geschliffene wie Kristall. Kristallsachen hat der gesucht für Pokale. Und dann war allerhand, was es sonst nicht gab. Fußbälle und Schlittschuhe. Das war ja damals alles knapp. Ich musste warten, bis der Armeegeneral fertig war mit der Suche durch die Regale. Und da kam dann, das hat mich auch sehr getroffen, die Bürgermeisterin von Pankow. Die hat für ihre ganze Familie eingekauft. Sie müssen sich vorstellen, ein Pullover oder ein Hemd, was damals gar nicht erreichbar war und aber bestimmt über 20, 30 Mark kostete. Dann hat die für eine Sache nur immer 50 Pfennig gezahlt. Da hat die so ein Packen da eingepackt. Und da dachte ich: Das kann doch nicht wahr sein. Eine Bürgermeisterin kauft hier ein. Und da kamen meine Zweifel, dass hier irgendwas nicht stimmen kann, ja? Bin dann da los. Habe mir einen Fußball mitgenommen und Schlittschuhe. Zwei Sachen und das kostete ja dann nichts. Und dann habe ich die Uhren gesehen, die beschlagnahmten Uhren, Westuhren, richtig Markenuhren. Ich bin dann wieder nach Karow gefahren.
1984 stellte ich einen kleinen Knoten an der Brust fest. Da sie Krankenschwester war und ich auch in der Straße einige Doktoren kannte, unter anderem den Prosektor, der die Leichen seziert. Er kam dann und sagte: „Habe eine schlechte Nachricht. Der kleine Knoten, ist eine Probe rausgenommen worden, der ist bösartig.“ Und dann ging es los mit Bestrahlung. Erst mal Chemo. Und dann Bestrahlung. Und da passierte dann Folgendes: Dass die noch nicht so weit waren, das dosiert zu machen, diesen Laserstrahl, das weiß ich heute, aber auch erst im Nachhinein, muss ich dazu sagen, dass die Bestrahlung zu stark gewesen ist. Und dass da die Lymphe mit angegriffen wurden und so weiter. Und das stellte man dann nach einer Untersuchung fest, dass das übergegriffen war. Jetzt lief ich auch in Panik. Jetzt habe ich gesagt „Dann versuchen wir das auf der anderen Seite.“ Und das war der Zusammenhang: Wir müssen rüber; vielleicht können die Ärzte mit neuesten Erkenntnissen noch irgendwie helfen.
Und das war mein Hauptgrund. Jetzt kam dann das Schlimme. Wie ich das gestellt habe, dann musste ich meine Werkstatt aushängen wegen Urlaub. Und da ich nicht zu Hause bleiben durfte, wurde mir eine Werkstatt angewiesen. Dicht an der Grenze, an der Charité bei Skoda. Und da habe ich dann nicht als Meister, sondern als Angestellter überbrückt zu dem Reiseaustrag. Dann kamen zweimal am Tage Leute, das wusste ich heute, Spione. Die kamen, haben geklingelt, ob sie nicht das Haus kaufen können. Ich sage: „Woher wissen Sie denn, dass mein Haus zum Verkauf steht?“ „Ja. Und wir geben ihnen.“ Da war immer die Summe von 250.000. Und das liegt ja hier gut und so und so und so. Da habe ich gesagt: „Nein, nein, nein.“ So und dann wurde ich wieder vorgeladen. „Ja, was ist nun mit dem Haus? Sie können nicht rüber, bevor das Haus nicht wegkommt.“ Mein einziger Gedanke zu Hause war: Äh, ich gehe noch nicht weg, um der Stasi mein Haus zu geben. Und in dem Moment dachte ich: Ja, wir haben ja noch Bekannte. Und da ging es mit diesem Verschenken. Das war die einzige Möglichkeit, und das war ja unter Druck. Wir wollten also rüber. Hatten uns entschlossen, das Haus stehen zu lassen, die Werkstatt stehen zu lassen. Also mein Lebenswerk sozusagen. Aber in der Hoffnung, dass vielleicht noch eine gesundheitliche Hilfe kam. Und so erledigte das, dass ich handschriftlich schrieb. Dann wurde ich bewacht, Tag und Nacht von der Stasi auf der Straße. Also, wie ich das abgelehnt habe, das Haus hier zu verkaufen. Und da stand immer im Raum die Summe 250.000. Und dann wusste ich: Naja und wenn ich die 250.000, da war ich nicht so informiert, nehme, dann nehmen sie mir das ja an der Grenze sowieso wieder ab. Das war mit ein Grund, also eine Erpressung, dass ich das nur an einen guten Bekannten verschenken kann. Und dann hatten wir uns verabredet. Und bei dem guten Bekannten waren wir auch oft zum Kaffeetrinken, wenn die Kinder zum Klavierunterricht dort gegangen sind. Der Musiklehrer wohnte gerade rüber. Und dadurch hatten wir Vertrauen. Der hatte ein Briefmarkengeschäft gegenüber vom Friedrichstadtpalast. Und da dachte ich, naja, egal was passiert, wir müssen jetzt kurzfristig handeln, um meiner Frau zu helfen. Also machen wir einen Schenkungsvertrag. Zu dem Zeitpunkt wusste ich aber nicht, dass er selber Stasi-IM ist, wegen seines Briefmarkenladens. Und sein Bruder war richtig bei der Stasi. Sonst hätte ich das auch nie gemacht, an diese Person das weiterzugeben. Dann sind wir bei Nacht und Nebel am 23. rüber. Also wir sind dann rüber. Und die Repressalien waren besonders schlimm für meine Frau, dass sie sich zweimal hier im Tränenpalast ausziehen musste. Die Kinder mussten extra warten. Ich auch. Also das dauerte vier Stunden. Und auf der anderen Seite war ja mein Bruder, der extra aus Saarbrücken gekommen ist. Die wollten uns im Empfang nehmen. Also das war für meine Frau was ganz Schlimmes. Zweimal durch Frauen natürlich, im Extraraum ausziehen, weil die dachten, sie hätte jetzt in ihrer Scheide oder irgendwo Geld versteckt. Und dann dieses Kleingeld, was wir dabeihatten. Wir hatten dann ein paar Euro West von der Verwandten erhalten.
Sehr deprimierend. Das hatte ich meinen Kindern ja auch gesagt. Denen fiel das auch schwer. Die waren ja damals gerade mal 17 und der Große war 18. Denen ist das nicht leichtgefallen. Weil die auch ihre Kumpels alle verloren haben. Und denen konnten wir das auch nur kurzfristig sagen, damit wir nicht daran gehindert werden, auszureisen. Wir durften das auch keinen Nachbarn und Freund erzählen. Das waren die Bedingungen. Ja.
Und dann sind wir alle in das Lager. Und das hatte ich hier auch schon mal erwähnt im Gespräch, dass meine Frau extra, ich extra in Zimmern. Und die Kinder auch extra. Also dass wir da ja nicht zusammen waren. Und dann kamen die ersten Verhöre von den Engländern, von den Franzosen. Russen waren da nicht bei. Alle wollten nun wissen, den Grund und ob ich irgendwie Hemmnisse oder sowas habe, ob ich ihnen da vielleicht dienlich wäre. Also das war schon deprimierend. Da dachte ich, was ist denn hier jetzt los, ja? Dass der Status Quo da immer noch am Werke war. Naja. Und das war auch eine schwere Zeit. Auch für meine Kinder. Die haben natürlich am meisten drunter gelitten. Weil es denen ja durch mich eigentlich auch besonders gut ging. Sage ich jetzt mal. Das große Spielfeld. Den großen Garten. Ich engagierte mich in der Schule im Elternaktiv. Da kamen dann auch Schulklassen und haben mir Berichte gemacht. Meine Werkstattbesichtigung. Und denen ich auch die Umbauten da erklärt habe. Kleinwuchs, Querschnittsgelähmte, Armlose.
Dann kam ich aber gleich aus dem Lager in kurzer Zeit raus, weil ich ‘ne Wohnung in Marienfelde bekam, Maximilian-Kaller-Straße. Dann habe ich Arbeit gesucht. Und da hatte ich wieder jemanden, der mich kannte. Habe ich bei Stamann als Meister eine Meisterstelle gekriegt, Stamann VW. Und dann merkte ich: Also. Ja, ja, jetzt kommt einer aus dem Osten. Das war damals ganz, ganz, ganz hart. „Ja, ja. Den werden wir erst mal hier laufen lassen und so weiter.“
Und dann bin ich da weg. Ich habe auch zu wenig Geld gekriegt. Also zumindestens 2.000 weniger wie die anderen, die die gleiche Arbeit gemacht haben. Und dann bin ich zum Autohaus König. Die brauchten einen Meister. Die, die ohne Meister waren, die haben mich auch als Konkurrenten gesehen. Also damit fertig zu werden, war für mich auch eine neue Sache. Dieser Neid und so. Und dann habe ich gedacht: Nein, das kannst du hier auch nicht machen. Das geht auch gegen deine Ehre.
Und dann habe ich das Glück gehabt, dass Daimler Meister suchte. Weil sie den Tauschmotor von Stuttgart nach Berlin brachten. Da kam ich dann rein und wurde bestens da empfangen. Und später erkannte ich, erst Jahre später, dass das auch ein Flop war.
Ich bin ja jetzt von abgekommen durch mein Erzählen. Also das war so: Wie wir drüben waren, war das dann so, ich habe keine Dankeskarte zu Weihnachten oder was gekriegt. Und wir hatten immer gedacht, weil wir einen großen Nussbaum im Garten hatten, der wirklich fast immer einen Zentner Nüsse abwarf, dass wenigstens die Familie als Beschenkte uns eine Karte schreibt oder ein Dankeschön oder sowas.
Frage: Wollten Sie jetzt im Nachhinein von ihm das Haus bezahlt haben? Oder wollten Sie das Haus zurückhaben?
Herr Michalke: Nein, zurückhaben nicht. Intern waren 100.000 Mark besprochen. Da rührte sich gar nichts. Und dann habe ich 1990, nach der Maueröffnung, handschriftlich die Schenkung für nichtig erklärt, also die Schenkung zurückgenommen. Dann habe ich gesagt: „Also, pass auf. Verabredet waren hier 100.000 D-Mark. Du hast dich nicht drangehalten. Jetzt bin ich nicht mehr gewillt, dir das Haus zu überlassen.“
Das ist ja nun kein Zuckerlecken. Das wusste ich aber vorher. Ich bin da immer Realist gewesen. Dass dieser Übergang schwer ist. Und ich sagte Ihnen ja schon das mit der Arbeit. Jedenfalls jetzt kommt, dass ich nun das Grundstück zurückhaben wollte. Und plötzlich kriege ich das Schreiben an der Hand: Also die Rückgabe ist abgelehnt. Und in dem Moment war das so gewesen, dass meine Arbeit verloren ging und dass erst mal ein Burnout da war. Also nervlich war ich am Ende. Ich wusste ja auch nicht, dass durch diesen Schenkungsvertrag schon das Grundbuch umgetragen wurde in der Zeit. Und jetzt kam Folgendes: Ich war körperlich, innerlich, zu der Zeit 1994, war ich vollkommen am Boden. In der Reinhardstraße wohnten auch die Rechtsanwälte, die auch später ihn verteidigten. Dann haben die das Schreiben aufgesetzt. Ich war gar nicht in der Lage, die fünf Seiten, überhaupt, was ich da unterschreibe, da standen dann nur die von meinen Kindern drauf. Und dann stellte ich fest, dass das Grundbuch umgetragen ist. Und dann wollte ich wissen, aus welchem Grund. Und jetzt geht ein Notar noch mal hin und stellt fest: Die alten Unterlagen aus dem Grundbuch von Karow sind im Grundbuchamt vernichtet worden. Und das war natürlich mein größter Hammer. Wo erklärbar ist, dass ich das 1965 alleine gekauft habe und alles auch bezahlt wurde. Also ich war da nicht Herr meiner Sinne.
Irgendwo möchte ich Gerechtigkeit und ich will doch keinen Profit schlagen. Ich will meine Gesundheit und der Undank, verstehen Sie, oder ein Danke, wir sind jetzt da und da. Nichts. Da ist ja der Kontakt dann abgebrochen.
Der wichtigste Satz ist, dass der Satz meiner Oma besteht: Man soll sich von seinem Inneren niemals zu 100 Prozent öffnen. Man muss wenigstens 30 Prozent seiner eigenen Sache für sich behalten. Denn die besten Freunde sind die größten Neider und können auch zu Feinden werden. Und da habe ich später nachgedacht. Wenn jeder selber denkt, jeder klar Denkende, naja man hat Recht. Und das geht auch im Rechtsstaat niemals auf. Es gibt immer mehrere Varianten und trickreich und Gesetzeslücken. Und ich war immer offen. Habe gesagt: „Nein, das kann ja gar nicht schiefgehen. Das ist abgesprochen. Das ist fest. Da kann man sich drauf verlassen.“ Auf mich konnten sie sich verlassen.
Also ich bin Missbrauchsopfer auf beiden Seiten geworden. Nicht nur in der DDR. Und dadurch, dass das Leben meiner Frau, das konnte ja auch nicht gerettet werden durch bessere Behandlung. Da war alles dann schon befallen. Das war vorbei. Ich komme eben nicht zur Ruhe. Ich habe mein Leben gearbeitet. Ich habe mich von unten hochgearbeitet. Und das tut weh. Mit den Kindern komme ich schon klar. Aber ich komme nicht zur Ruhe.
Also ich bin Missbrauchsopfer auf beiden Seiten geworden. Nicht nur DDR….ich komme nicht zur Ruhe.
Biografie
Bernfried Michalke wurde am 23. Januar 1944 in Stegern (Pommern) geboren. Mit zwei kleinen Kindern floh die Mutter vor der anrückenden Sowjetarmee und ließ sich mit ihrem Mann in Bernau nieder. Bernfried Michalke erlebte mit fünf Jahren den Tod seines Vaters.
Nach einer Ausbildung zum Kfz-Mechaniker war er einer der ersten in der DDR, der sich nach der Enteignungswelle von Klein- und Mittelbetrieben selbständig machen konnte. Er führte eine Werkstatt zum Kfz-Umbau für die Bedarfe körperbehinderter Menschen. Bernfried Michalke hatte einen gefragten Beruf und ein gutes Auskommen. Er konnte sich ein Eigenheim mit großem Garten anschaffen.
1984 wurde bei seiner Frau eine lebensbedrohliche Krankheit festgestellt. Nach vielen nicht erfolgreichen Behandlungen entschied er sich für die Übersiedlung in die Bundesrepublik in der Hoffnung auf eine bessere medizinische Versorgung. Im Vorfeld der Ausreise wurde Bernfried Michalke von der Staatssicherheit dazu gedrängt, sein Haus zu verkaufen. Das lehnte er in der Annahme, dass er den Erlös nicht transferieren dürfen würde, ab. Stattdessen schenkte er das Haus einem Bekannten mit der Vereinbarung, dass dieser ihm dafür später einen Ausgleich zahlen würde.
Mitte der 80er Jahre reiste die Familie von Berlin in die Bundesrepublik aus und hatte einen schwierigen Start. Auf die Ausgleichszahlung wartete Bernfried Michalke vergebens. Nach der deutschen Wiedervereinigung nahm er Kontakt mit dem Beschenkten auf, erhielt aber nicht die Summe, von der er ausgegangen war. Eine Rückgabe des Eigenheims war auch auf juristischem Weg nicht möglich.