Marianne Meierhofer

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Transkription

Ich bin in 1929, am 23. Januar in Chemnitz geboren, aufgewachsen in Eppendorf. Das ist dreißig Kilometer weg von Chemnitz, bei meinen Großeltern. 1945 war der Krieg zu Ende und da begann das schlechte Leben, wollen wir mal so sagen. Denn wir waren eine kleine Gruppe Freunde, die sich an diesem Abend versammelt hatte und über die Befreiung, wie man sie genannt hat, darüber zu diskutieren. Es war eine schlimme Zeit, es konnten keine Freunde sein, sondern die haben gemordet und vergewaltigt und geplündert, also, es waren alles andere als Befreier. Und da haben wir oft über eine Geschichte, über diese Vergangenheit der Nationalsozialisten gesprochen, in der wir groß geworden sind und es eigentlich uns nicht schlecht ging und jetzt eine schlimme Zeit anbrach, und haben darüber geschimpft und diskutiert und sind dann von einer, die in diesem Haus wohnte, denunziert worden. Meine Cousine und ich, wir haben gesagt: Hier müsste man mal ein Plakat aushängen und draufschreiben „Wir grüßen die Rote Armee mit Heil Hitler!“, das haben wir gesprochen. Und da war der Junge aber nicht dabei. Und da haben die uns das jetzt vorgehalten. Und wir haben das nicht zugegeben, aber dann haben sie diese Frau geholt, diese Gisela Lerch. Die das gesagt hat und sagt: Jawohl, das haben die beiden gesagt. Und da sind wir vom russischen Kriegsgericht abgeurteilt worden, ich zu sieben Jahren, der Junge, der Wolfgang zu sieben Jahren, obwohl, wir haben gesagt, der, der, der Junge, der hat nix von diesem Plakat gewusst, der war damals nicht dabei. Die haben gesagt, zwei Mädchen kommen nicht auf so eine Idee, da kommt, da kommt der Junge dazu, und der hat, der war auch bei der HJ, und meine Cousine war Scharführerin, Gruppenführerin, ich war Scharführerin, also, ich will jetzt keine Reklame für die machen, aber die Jugend war da gut aufgehoben. Von der Verhaftung Chemnitz, drei Jahre Bautzen, ´48 im Juli ging es dann nach Sachsenhausen. Da sind wir mit dem Viehtransport drei Tage unterwegs gewesen. Aber wie viele sind da gebracht worden, wissen Sie das ungefähr? Paar Tausend. Paar Tausend. Alle aus Bautzen? Alle aus Bautzen. Und warum sind die von Bautzen nach Sachsenhausen verlegt worden, wissen Sie das? Nein. Wir wussten gar nicht, wo es hinging. Also, wir sind in Viehwagen gefahren, nur über, über Güterbahnhöfe. Und am dritten Tag sind wir dann angekommen in Sachsenhausen und dann haben wir draußen gesessen in glühender Hitze. Diese Riesenschlange! Es sind viele auf ihren Koffern umgekippt an Hitzschlag oder, oder verdurstet. Sie mussten ja dann, wurde da alles aufgenommen. Wie sie heißen, wie alt, wo sie herkommen und warum sie verurteilt worden sind. Wir sind nach drei Paragraphen verurteilt worden: geheime Jugendorganisation, antisowjetische Propaganda und Werwolf. Und dann nach einer Zeit wurde gefragt, ob wir Schneiderinnen haben oder Schuhmacherinnen oder sonst was, also, die konnten sich melden. Da war ein Kommandantenhof, wo alles hergestellt wurde. Man konnte in eine Näherei, bin ich dann gekommen, weil, und haben für die russischen Offiziersfrauen Sachen genäht. Und es gab auch, wer gearbeitet hat, ein bisschen mehr zu essen als die, die in der Baracke gesessen haben. Aber wir waren in einem Frauenbataillon, in einem großen, wo nur Frauen drin waren, auf verschiedene Baracken aufgeteilt, aber wir konnten uns innerhalb dieses, Frauenbataillon, sagen wir mal, laufen, bewegen. Das war das, das, das Positive gegen Bautzen. Jeden Morgen gab es Appell. Um sieben Uhr. Mussten sie antreten. Da wurde gezählt. Und dann haben die sich oft verzählt. Dann standen wir im Winter oft eine halbe Stunde, weil denn einer fehlte. Dann war einer im Lazarett, Krankenstation. Einmal war eine Epidemie ausgebrochen, Löffelschlucker. Die haben Löffel geschluckt, Metalllöffel, nur damit sie aus den Baracken rauskamen, ins Lazarett, wo es besseres Essen gab. Es war alles eine Hungersache. Aber der Bauch wurde aufgeschnitten, der Löffel wurde rausgeholt. Das kann man sich gar nicht vorstellen, sowas. Jedenfalls ging jeder zu seinem, ich bin erst in die Näherei gekommen und dann in die Schuhmacherei. Da habe ich auch genäht. Und da habe ich einen jungen Mann, der war Melder, auch ein Gefangener, von Chemnitz, kennengelernt. Und da haben wir ausgemacht, wer von uns eher mal nach Hause kommt, der unterrichtet dann die Eltern, ja. Und das war eine gute Freundschaft. Der kam da in die Schuhmacherei und hat dann irgendwas gebracht, was gemacht wurde. War ja ein Meister da, für die Frauenschuhe oder Stiefel oder sonst was, ja, und dann hat der mir schon mal ein Briefchen geschrieben und ich hab auch mal ein Briefchen geschrieben, und morgens standen wir dann wieder vor den Toren von dem Frauenbataillon und dann hat eine von den Deutschen kontrolliert: Komm, du komm raus und du komm raus aus der Reihe. Mussten alle stehenbleiben dann. Und ich mit dem Briefchen an den jungen Mann. Habe ich das fallenlassen. Und sie hat es gesehen. „Wer war das? Wem gehört das?“ Da stand ja kein Name, nix drauf. „Also, wenn derjenige sich nicht meldet, bleibt das ganze Bataillon heute drin, geht keiner zur Arbeit.“ Dann hab ich gesagt: „Das war ich.“ So. Arbeitssperre. Musste ich wieder zurück. Und nach vierzehn Tagen kam eine und sagt, die, ein „Natschalnik“, heißen die Russen da, die Frauen: Die hat heute gute Laune, die hat schon viel Arbeitssperren aufgehoben, geh doch mal hin. Ja, ich geh hin und hab gesagt, ich möchte mich entschuldigen, dass ich das geschrieben hab und ich wusste, dass das verboten war, aber es ist eine kleine Freude hier in diesem Einerlei. Hat sie gesagt: „Ich kann dein junges Herz verstehen, aber du musst auch uns verstehen. Wenn wir jetzt das nicht unterbinden, dann könnten wir hier noch einen Kindergarten aufmachen.“ Dann habe ich gesagt: Ich versteh das, und ich verspreche, ich werd es nie wieder machen. Dann hat sie gesagt: Gut, bist einsichtig, du kannst ab morgen wieder arbeiten gehen. Also, das sind auch die positiven Sachen. Ja, dann wollte ich sagen, dass es mit der Periode sehr gefährlich war. Ich hab sie nur noch bis achtzehn gehabt und dann ist sie weggeblieben. Und dann bin ich mal in Bautzen im Lazarett gewesen und hab da den Arzt gefragt, es waren da alles deutsche Ärzte, ob das nicht jetzt schädlich ist, wenn das in jungen Jahren wegbleibt. Und dann hat der gesagt zu mir: Sei froh, wenn du es jetzt hier nicht hast, denn es gibt hier keine Binden und gar nix. Aber später, wenn du mal Kinder kriegst, dann wird sich das bemerkbar machen. Und das hat sich auch bemerkbar gemacht. Ich hab drei Fehlgeburten gehabt, immer so im fünften Monat, sechsten Monat, und unsere Tochter ist ein Siebenmonatskind, die ist sofort von hier, vom Krankenhaus per Blaulicht nach Wuppertal gekommen ins Frühgeburtenheim, sonst hätte ich die auch nicht behalten. 1949 durften wir das erste Mal nach Hause schreiben. Wieviel Jahre wir verurteilt worden sind, nur nicht wo wir sind. Und da war natürlich dann die Freude groß! Das, das wir schreiben konnten. Und wie die erste Post kam. Dann war die Trauer erst mal groß bei vielen. Wo die Mutter gestorben ist, der Vater gestorben ist oder so, aber bei uns war alles noch am Leben, auch meine Großeltern. Ende ´49 haben sie schon gesagt: Die Russen lösen das Lager auf. Es kommen viele raus und es werden auch viele verteilt. Und meine Freundin, die Frau Jann, meine Cousine und noch eine von Thüringen und auch die von Hamburg, die auch noch leben, die sind auch mit nach Hoheneck. Und ich sehe heute noch diese Barackenführerin. Das war auch Deutsche, die also für Ordnung sorgten. Und die kommt mit einmal rein und ruft: „Langer, Marianne, Sache packen, du gehst nach Hause.“ Dann bin ich Richtung Dresden gefahren. Erst mit, mit der S-Bahn. Und dann saß mir gegenüber eine Frau, die sagte: „Kommst du aus dem Lager hier von Sachsenhausen?“ Ich sag: „Ja.“ Das haben die gesehen. Dieser Koffer, und ich hatte aus einer Wolldecke, einer einfachen Militärwolldecke einen Mantel an mit hinten der Gefangenennummer drauf. Und dann sagt sie: „Wie alt bist du denn und wie lange warst du da?“ Und ich musste aber unterschreiben, alles was ich gesehen und gehört hab, hab ich drüber zu schweigen, darf ich nicht sprechen. Und dann habe ich gedacht, das kannst du wohl sagen, dass du da fünf Jahre eingesperrt warst und dass du jetzt einundzwanzig bist, heute deinen Geburtstag hast. Der Frau standen die Tränen in den Augen. Und wie die ausgestiegen ist, dann hat sie mich hier gefasst an dem Mantel und hat gesagt: „Ich wünsch Ihnen alles, alles Gute!“ Der Platz wurde schnell wieder besetzt. Dann sagte eine junge Frau zu mir: „Verlieren Sie Ihr Geld nicht!“ Dann sage ich: „Was denn für Geld?“ „Ja, Sie haben hier oben drin Geld.“ Da hatte diese Frau mir vierzig Mark reingesteckt. Je näher ich nach Hause kam, umso schlimmer wurde das. Und dann habe ich gedacht: Wenn ich jetzt durchs Haus gehe, hoffentlich triffst du niemanden, dass ich mit dem reden muss. Ich bin die Treppen hoch, rein, saß meine Oma am Stricken, und die hat mich nicht erkannt. Dann hab ich gesagt: „Mutter, kennst du mich nicht mehr?“ Dann war es aus, und dann habe ich den Opa nicht gesehen, denn dann hab ich gedacht, der ist gestorben. Und dann habe ich gefragt, und da hat sie gesagt, nein, der ist beim Nachbarn am Kartenspielen, ich hole den. Und dann kam der und alles hat fürchterliche Freudentränen geweint. Ja, also, als ich das so alles hinter mir gebracht hab, und ich wollte eigentlich nie darüber sprechen, ich hab es in meinem kleinen Zeh eingesperrt, diese ganze kompakte Sache. Und jetzt, heute, durch dieses Gespräch habe ich es wieder in den Kopf zurückgeholt, es ist mir nicht ganz gelungen, aber ich werd es jetzt wieder vergraben.

Ich wollte eigentlich nie darüber sprechen. Ich habe es in meinem kleinen Zeh eingesperrt. Und jetzt heute habe ich es wieder in den Kopf zurückgeholt. Es ist mir nicht ganz gelungen, aber ich werde es jetzt wieder vergraben.

Biografie

Aufnahme von 1945, 16 Jahre alt

Marianne Meierhofer, geboren 1929 wächst in Chemnitz auf. Zum Kriegsende ist sie 16 Jahre alt und geschockt von den vergewaltigenden und plündernden Sowjetsoldaten. Sie diskutiert oft mit gleichaltrigen Freunden, die wie sie die meiste Zeit ihres Lebens vom Nationalsozialismus geprägt wurden. Dabei äußert sie, dass vielleicht die Sowjetarmee auf einem Plakat mit „Heil Hitler“ willkommen geheißen werden sollte. Ein Nachbarsjunge denunziert, was er gehört hat und bald darauf werden die Jugendlichen von der sowjetischen Geheimpolizei verhaftet.

Dem Sowjetischen Militärtribunal reicht das 1945, um eine 16-Jährige zu sieben Jahren Haft zu verurteilen. Nach drei Jahren in Bautzen pfercht man die junge Frau in einen Güterzug und drei Tage später kommt Marianne im Speziallager Sachsenhausen an.

Sie hat Glück, dass sie arbeiten darf. Wer arbeitet, bekommt etwas mehr zu essen und kann vor allem die Baracke verlassen. 1949 dürfen die Häftlinge das erste Mal nach Hause schreiben. Als auch Antworten ankommen, wächst die Hoffnung. Bei der Auflösung der Speziallager werden viele verurteilte Frauen zum Verbüßen der Reststrafe ins Zuchthaus Hoheneck gebracht. Manche werden aber auch entlassen und Marianne gehört zu diesen Glücklichen. Kaum im Zug fragt sie eine Frau, ob sie aus dem Lager komme. Nach einigem Zögern – alle Lagerinsassen wurden zum Stillschweigen verpflichtet – sagt sie, wie lange sie in Haft saß. Die Mitreisende ist keine Denunziantin, sondern steckt ihr zum Abschied schnell 40 Mark zu, damals viel Geld.

Dokumente

Übersicht der Dokumente, die Frau Marianne Meierhofer für das Zeitzeugen-Portal zur Verfügung gestellt hat.

Original der Rehabilitierungsbescheinigung der
Militärhauptstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation vom 9. Januar 2002 in russischer Sprache.

Original der Rehabilitierungsbescheinigung der
Militärhauptstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation vom 9. Januar 2002 in russischer Sprache. Frau Marianne Meierhofer war
von einem Sowjetischen Militärtribunal (SMT) am 30. Oktober 1945
zu sieben Jahren Freiheitsentziehung in Besserungs- und Erziehungslagern verurteilt worden.

Übersetzung der Rehabilitierungsbescheinigung der Militärhauptstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation vom 9. Januar 2002.

Übersetzung der Rehabilitierungsbescheinigung der Militärhauptstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation vom 9. Januar 2002.