Gisela und Hans-Peter Freimark

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Transkription

Gisela Freimark: Mein Name: Gisela Freimark, bin eine geborene Böttcher. Bin also in einer Friseurfamilie groß geworden. Mein Vater war Friseur. Und meine Eltern, also meine Mutter ist aus Schlesien gekommen, also sind nach dem Krieg hier in Perleberg gelandet. Also meine Mutter war, einfach auch aus einer Tradition, kirchlichen Tradition, so ein bisschen noch von ihrer Erziehung. Mein Opa, der war so ein bisschen dieser Beamtenstatus noch, den habe ich noch kennengelernt. Und wie gesagt, sie musste dann aus Schlesien ja flüchten. So, ich denke bei ihr stand noch so ein bisschen die Kirche im Hintergrund. Und dann hatte sie eine Tante, die meine Patentante auch war. Die war hier in Perleberg, deswegen ist sie wahrscheinlich hier nach Perleberg gekommen. Die war Diakonisse und hatte hier so eine Gemeindeschwesterposition vor dem Krieg und nach dem Krieg noch. Und für mich war diese Tante eben auch sehr prägend, so mit ihrer Haube und so ein mütterlicher Typ und dann eben irgendwie heilig. Mein Vater war nicht für die Politik des Staates, aber sein Spruch war: „Mach mal mit, damit du was wirst.“ Bei den Pionieren war ich nicht, das heißt erst kurz, siebte Klasse hatte mein Vater mich dann so ein bisschen da überredet, da reinzugehen, weil ich ja zur Erweiterten Oberschule sollte. Ja und Jugendweihe habe ich dann auch auf den Wunsch meines Vaters gemacht. Meine Mutter war eigentlich überhaupt nicht dafür, aber auch da hat sie sich nicht durchgesetzt. Und ich selbst war zwar in der Christenlehre, Konfirmation war ja dadurch dann auch ein Jahr später schon bei mir. Hatte zwar Ehrfurcht, was Kirche betraf, aber so richtig wusste ich auch noch nicht, wo es langgeht. Und dachte dann so mit 14 Jahren, wenn ich das Gelöbnis nicht mitspreche, dann ich es so eine halbe Sache mit der Jugendweihe.

Damals kannte ich meinen Mann schon, mit sechzehn hatten wir uns in der Jungen Gemeinde kennengelernt. Und er ist ja nun so ein ganz anderer Typ, so ein bisschen Draufgänger. So wurde es auch immer von meinem Vater gesagt: „Mit diesem Wilden willst du da zusammen sein?“ Er fuhr ja immer mit dem Motorrad durch die Stadt. Ja und durch dieses Zusammensein, auch dann nachher in der Jungen Gemeinde, versuchte ich immer darüber nachzudenken: „Ja, was machst du?“ Und ich wusste es wirklich mit Abschluss der Schule nicht so richtig. Und mit dem Pfarrer damals vor Ort hier in Perleberg kamen wir dann auf die Idee, erst einmal ein diakonisches Jahr zu machen.

Hans-Peter Freimark: Geboren einen Tag vor Hiroshima, das ist am 5. August 1945. Geboren in Perleberg beim Glockenläuten um zehn Uhr am Sonntag, so wurde mir gesagt von meiner Mutter. Und das hat mein Leben auch mit geprägt, dieses Datum. Mein Vater war Klempnermeister in Perleberg, meine Mutter hat da mitgeholfen, Büro und alles Mögliche machen. Ich bin am, was mich auch sehr geprägt hat, am Russenzaun groß geworden. Die Sowjetarmee, die ja `45 hier zunächst als Sieger bejubelt wurde – und als Freund – die kam ja eigentlich als Sieger und als Besatzer. Die haben direkt vor unserem Haus die ehemaligen Kasernen des Kaisers und der Wehrmacht übernommen. Und wir als kleine Kinder hatten da manchmal mit Rekruten gute Erfahrungen, mit anderen ganz schlechte. Hat mich auch geprägt. Zum Beispiel haben wir ihnen Weißbrot gekauft, ein halbes Weißbrot damals fünfzig Pfennig, Kunsthonig vierundsechzig oder achtundsechzig Pfennig. Haben es ihnen gegeben. Dann kam der Offizier vor unseren Kinderaugen, nahm dem das weg und machte sein Koppelschloss ab. So ein Messingkoppelschloss ist auch drüben zu sehen. Schlug den vor unseren Kinderaugen blutig, bis der zusammenbrach. Dann hat er die Militärpolizei geholt und die schmissen den auf einen LKW, ohne die Klappe zu öffnen. Also eigentlich wie ein Tier, ja. Und das hat mich sehr beeindruckt, ja. Das hat mich also im Grunde das ganze Leben beschäftigt, diese Sachen. Es fing an in der Schule. Ich ging ja zunächst sehr gerne zur Schule. Denn, wir hatten eine Klassenlehrerin, die wir alle sehr gerne gehabt haben, unwahrscheinlich gern. Die war ganz toll zu uns. Und die haute nach dem Westen ab, etwa in der zweiten oder dritten Klasse. Und dann wurde sie beschimpft als eine, die uns alle verraten hat, als ganz böse Frau. Und wir haben die geliebt, auch weiterhin. Und da kam es zu einem ersten Bruch. Wie man Menschen so hinterherreden kann und Lügen verbreiten kann. Dann habe ich den 17. Juni als Achtjähriger erlebt. Dass Freunde meines Vaters aus Berlin kamen, die das erlebt haben. Die kamen sofort zu uns und berichteten, was passiert ist. Und wir hörten dann DDR-Radio und wir hörten diese Meldung und da brach bei mir wieder ein Stück zusammen. Bin dann meinen eigenen Weg gegangen. Bin dann Kraftfahrzeugschlosser geworden, weil ich damals also noch gesponnen habe: Ich habe gedacht, ich könnte Rennfahrer, Autorennfahrer in der DDR werden. Nur ist ein Autorennfahrer in der DDR schwierig, wenn ich nicht in der FDJ [bin], da war ich nicht drin. Ich habe keine Jugendweihe. Ich habe damals dann mit achtzehn Jahren Bausoldaten machen wollen. Später habe ich total verweigert. Und damit konnte man in der DDR nicht studieren und damit konnte man auch kein Autorennfahrer werden. Habe dann versucht, Theologie zu studieren. Kriegte keinen Zuzug nach Berlin. War dann ein Jahr bei, wie wir damals sagten, bei hirngeschädigten Kindern in Fürstenwalde. Hatte immer mein Motorrad mit und einen Koffer, dass ich jederzeit abhauen konnte, wenn es mir zu viel wurde. War ein Jahr dabei, so wie es geplant war und habe eine Menge gelernt. Mit so Menschen umzugehen, die nicht so gut können wie wir. Ein Unfall – in Sekunden kann es mir genauso gehen wie ihnen. Das hat mir sehr geholfen, dann hab ich Theologie studiert. Das waren dann die schönsten Jahre so damals, die ich je erlebt hatte. Nach dem, was ich sonst mit der Schule hatte. Da machte es Spaß, da platzte der Knoten.

Texttafel: Hans-Peter Freimark tritt 1972 seine erste Pfarrstelle in Sedlitz bei Senftenberg an. Gisela Freimark ist Gemeindepädagogin geworden. Gemeinsam arbeiten sie in der Gemeinde. Drei Kinder werden geboren.

Gisela Freimark: Da in Sedlitz, muss ich sagen, haben wir einfach eine offene Gemeindearbeit gemacht und sind mit vielen Menschen, auch erwachsenen Männern – mein Mann hatte einen Männerkreis gegründet, um zu sagen: „Die Männer kommen nicht in den Gottesdienst, also muss ich irgendwie mir etwas anderes einfallen lassen.“ – [zusammengekommen] und da wurde sehr offen gesprochen. Und sicher saßen, und was wir auch im Nachhinein wissen, [in diesen Runden] welche, die dann schon genau hingehört haben und weitergesagt haben, was die da alles so diskutieren. Nicht nur, dass sie singen und beten, sondern es wird das Leben diskutiert. Und das war bei den anderen Veranstaltungen nicht anders. Im Gottesdienst hat mein Mann schon immer deutlich gepredigt, auch damals schon. Ansonsten haben wir nicht gedacht, dass wir irgendwie etwas machen, was den Staat so ärgern kann. Aber gut, die haben sich ganz schnell, irgendwie ja, getreten gefühlt. Also was – glaube ich – immer wichtig war, wo die Jugendarbeit gut funktionierte, in der Kirchengemeinde, die wurden beäugt. Und die FDJ-Arbeit: Die Jugendlichen gingen mehr oder weniger genötigt zu den FDJ-Nachmittagen oder so. Also zur Jungen Gemeinde sind sie freiwillig und gerne gekommen und schon da fängt ja immer dann so der Konflikt an, dass staatliche Stellen die Kinder und Jugend ja in ihrer Hand haben wollten und nicht in kirchlicher Hand.

Texttafel: 1978 zieht die Familie nach Neustadt/Dosse. Das vierte Kind wird geboren.

Gisela Freimark: `83 war auch dann wirklich nochmal eine ganz starke Auseinandersetzung, dass da Neustadt-Dosse den Atomschlag geübt hat. „Dosse 83“ nannten sie diese ZV-Übung, Zivilverteidigungsübung, die aber angesetzt war als Atomschlagübung.

Hans-Peter Freimark: Dann ging die Sirene los. Wir hatten große Plakate aus Holz an unseren Fenstern dran: „Hier wird Frieden geübt und nicht Krieg.“ Am Auto stand dran: „Friedenserziehung statt Kriegsübung.“ Und dann haben sie, als wir rauskamen, [zugeschlagen]. Meine Frau und ich, was man hier auch sehen kann – der Originalsarg ist gerettet worden – kamen ja raus mit dem Sarg, hatten schwarze Kutten an, hatten Volksgasmasken auf aus dem Dritten Reich, aber nach hinten, nicht vorne. Wir waren nicht geschützt. Jeder konnte sehen, wer wir waren. Nur nach hinten als Symbol. Und an dem Sarg waren Fahnen dran, da stand dran: „Nach einem Atomkrieg brauchen wir keinen Sarg mehr. Atomwaffen sind todsicher.“ Und die T‘s waren große Kreuze. Und dann sind wir raus und dann haben sie uns mit Nebelgranaten zugehauen. Haben uns umgeschmissen, hingeschubst. Haben uns das alles gestohlen. Unsere Kinder wollten zunächst dabei sein, dann sage ich, als sie den Wasserwerfer aufgebaut haben: „Nicht mit euch, das tut unwahrscheinlich weh. Bleibt bitte drinnen!“ Und als dann Atomalarm gegeben wurde, diese Schwellung der Sirenen, gingen wir weg, gingen wir raus. Und dann sind wir im Nebel verschwunden und das hat unser Junge das Leben lang nicht vergessen.

Gisela Freimark: Also man wollte uns vermutlich auch wirklich raustreiben. Also nicht, dass nur die Frage von der Kirchenleitung da kam: „Wollen Sie nicht raus?“, sondern man wollte schon am besten solche Störenfriede raushaben. Denn so vor Augen [des Umfeldes], also vermuten wir, das ist so unsere Erklärung, dass sie meinen Mann nie inhaftiert haben: Wir waren zu öffentlich.

Hans-Peter Freimark: An unserem Kirchturm waren manchmal Plakate dran. Schon Anfang der Achtzigerjahre. „Pressefreiheit“, „Menschenrechte“, „Hiroshima mahnt“. Und da mussten wir dann nachts mit meiner Frau hoch in den dunklen Kirchturm – wir konnten ja kein Licht machen, dass die das nicht vorher merken. Wenn früh die Sonne hochkommt, dann war das oben am Kirchturm zu sehen. Und die Eisenbahn Berlin–Hamburg geht ja da vorbei. Mir haben manche Freunde gesagt: „Wir haben es gesehen!“ Und dann kam natürlich die Stasi, dann waren sie wie verrückt. Und ich konnte dann nur sagen: „Hören Sie zu: Ich bin in zwei Tagen zur Pfarrerkonferenz, Kreisjugendpfarrerkonferenz, dann mache ich es ab, dann bin ich ja nicht mehr hier, dann bin ich nicht mehr verantwortlich. Also bis dahin bleibt es dran.“ Bei der Pressefreiheit waren sie unwahrscheinlich wütend. „Machen sie es ab!“ Ich sage: „Ich verändere es.“ Und dann habe ich es auf den Kopf oben hingemacht und dann kamen Gemeindemitglieder und sagten: „Genauso ist das mit der Pressefreiheit!“

Gisela Freimark: Wir haben ja nicht verschwiegen, was wir machen. Und es war bekannt, ob nun bei Menschen in der Kirche oder außerhalb der Kirche. Und hätten sie uns verhaftet oder meinen Mann verhaftet, wäre es ja wieder öffentlich gewesen. Also so einen Aufruhr wollte man nicht. Und das wussten wir wirklich, dass sie massiv gucken. Aber wir wussten nie so richtig, was wollen sie. Und so diese Zersetzungsmethode kannten wir nicht, wären wir ja nie draufgekommen. Dass es jetzt keine Inhaftierung mehr gibt, sondern eben, so diese doch eigentlich sehr fürchterliche Methode, Menschen kaputtzukriegen oder eben auch gesundheitlich dann, dass man sagt, jetzt ist genug. Wir haben nun wirklich dankbarerweise aus den Akten rauslesen können und auch verstanden, warum wir immer so ein Gefühl hatten: „Was wollen sie eigentlich von uns?“ Und gut ist, glaube ich, dass wir beide uns da einig waren. Und nicht so jetzt grundsätzlich anderer Meinung waren. Also dass wir zusammengehalten haben und uns eigentlich keiner von außen her so einen Keil dazwischen hat setzen können. Das haben sie auch versucht an vielen Stellen.

Hans-Peter Freimark: Plötzlich kam ein Anruf vom Rat des Kreises an den Superintendenten: „Freimark kann in den Westen fahren.“ Dann rief der an: „Bruder Freimark, Sie können in den Westen fahren.“ Ich sage: „Ich habe gar keinen Antrag gestellt.“ Bin ich hin zum Rat des Kreises: „Das müssen Sie mir erklären. Erstens wollen sie mich abschieben an den Westen, Sie wissen, dass ich nicht will. Dann wollen sie mich einsperren und nun krieg ich eine Reise nach den Westen?“ Und dann sind sie rum bei den Leuten in Neustadt und haben erzählt: „Sagen Sie mal mit dem Pfarrer Freimark ist voll schwierig, nicht?“ Und die: „Wieso? Ist unser Pfarrer.“ „Oben am Kirchturm steht dran manchmal ‚Menschenrechte‘, ‚Pressefreiheit‘, ‚Schwerter zu Pflugscharen‘. Gucken sie mal seine Autos an, die sperren ihn nicht ein. Denn fährt er nach dem Westen, kommt euch das nicht komisch vor?“ Und wer das nicht begriffen hat, was sie wollten, haben sie es selber gesagt: „Könntet ihr nicht mit der Stasi zusammenarbeiten?“ Haben zum Glück ganz wenige geglaubt, ja. Es war immer unberechenbar, was passiert. Wir haben ja gemerkt, dass sie in unserem Haus waren. Da war mal plötzlich Licht an oder so. Und das ist aber, wenn wir nicht da waren. Wir haben das alles gar nicht so ernst genommen. Dann war plötzlich der Hausschlüssel weg. So ein großer Schlüssel war dann weg. Kriegten wir ja raus, wer den hat. Eine, die in der Gemeinde mit war, die hat tausendzweihundert Seiten alleine geschrieben gegen uns, ja. Aber dann haben wir das vorne immer das so gemacht, dass wir vorne den Schlüssel nie brauchten. Da haben wir immer zugeschoben. Manche Sachen sind noch nicht so geklärt, was da manchmal war, aber nebenan hatten sie eine Wohnung, da war eine Gaststätte. Und die alte Frau, die hat vermietet und musste auch an die Stasi vermieten. Die konnte nicht sagen: „Euch nicht!“, dann hätten sie sie geschlossen. Die hat uns dann manchmal einen Tipp gegeben.

Texttafel: 1983 erhält die Familie eine Morddrohung.

Gisela Freimark: Also sinngemäß krieg ich das auch noch zusammen. Im Hintergrund, also ich hatte so den Eindruck, so ein ganz bisschen unter Alkohol war die Stimme, aber doch noch, dass man gut verstanden hat: „Also wenn Sie ihre Kinder weiterhin so erziehen, oder, dann können Sie damit rechnen, dass Sie nicht mehr lange leben.“ So in dem Sinne. Haben wir es auch gleich dem Gemeindekirchenrat erzählt. Und die haben dann auch gleich dankbarerweise gesagt – und wir waren auch schon so weit -, eine Anzeige zu machen. Was wir ja dann gemacht haben gegen unbekannt. Und dann kam ebenso dieser doch sehr offensichtliche Vorschlag, unser Telefon abhören zu dürfen. Damit, wenn derjenige nochmal anruft, [identifiziert werden kann]. Das war dann ja so offensichtlich, dass wir gesagt haben, also gut, das ist es sehr fingiert oder jemand wirklich auch benutzt worden, dass er so etwas macht, unter Druck. Natürlich hatten wir Angst. Wir wussten ja auch da nicht, was sollen wir machen.

Hans-Peter Freimark: Dann dieses andere Gerücht, was dann da ging: „Wer Freimark kennt, ist in Gefahr. Wer ihn persönlich kennt, ist mit einem Bein im Gefängnis.“ Das wurde dann verbreitet. Und die Leute, die haben ja dann gesehen, was los war, wenn die Stasi kam. Meine Eltern hatten einen Bungalow am Wusterhausener See. Dann angelte mal einer vom Rat des Kreises direkt vor unserem Landesteg. Dann standen die Stasi-Autos da rum. Und dann hatten wir uns ja von einem Schlosser eine Klappe machen lassen im Keller. Dass wir, wenn die Stasi vor der Tür steht, hinten eine Klappe öffnen, über das Feld abhauen [konnten] und tauchten dann in Neustadt auf – ist ja mal passiert. Wir waren plötzlich in Neustadt. Dann wurden die immer sehr nervös: „Der Freimark ist in Neustadt.“ – „Nö, der ist in Wusterhausen.“ – „Das Licht brennt ja noch, der ist ja eben reingegangen.“ Und wir waren dann in Neustadt, dann waren die wieder nervös. Manches war so kurios, manches war lächerlich und manches war gefährlich. Und man wusste ja nie, wann endet das.

Wir waren eine Familie, die zusammengehalten hat. Meine Frau hat alles mitgemacht. Für die Kinder war es schwierig in der Schule. Die hatten es sehr schwer. Denn die haben ja manche Lieder nicht gelernt. Sie hatten dann immer ein Ersatzlied oder ein Ersatzgedicht drauf, denn wenn es hieß: „Mein Vater ist bei der Volksarmee, juchhe“ oder „Soldaten sind vorbeimarschiert mit gleichem Schritt und Tritt“, konnten sie sagen: „Mein Vater ist nicht bei der Armee. Der hat verweigert.“ Oder wenn sie den Auftrag kriegten: „Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg haben wir es geschworen“, dann haben wir geschrieben: „Wir haben denen gar nichts geschworen, das machen unsere Kinder nicht.“

Texttafel: 1990 lesen Gisela und Hans-Peter Freimark zum ersten Mal die Akten, die die Staatssicherheit über sie geführt hat.

Gisela Freimark: Also, als wir das erste Mal Einblick hatten, war noch nicht einmal alles geschwärzt, wenn überhaupt. Das war ja so diese Situation noch in Potsdam gewesen. Und ich weiß nicht, ob mein Mann das erzählt hat, das war schon eine kuriose Situation. Wir haben uns mit dem Auto auf den Weg gemacht und wollten natürlich jetzt zu diesem Termin und waren auch aufgeregt. Was ahnten wir denn, was da so alles steht. Und dann sind wir nicht einmal hingekommen. Wir hatten dann eine eigenartige Sache. Wir sind von der Straße schon relativ schnell abgekommen. War ein bisschen überfroren die Straße. Und konnten mit unserem Auto schon gleich, es war der Nachbarort, wir sind wirklich noch nicht weit gewesen, wir kamen mit unserem Auto nicht mehr weiter. „Ja, was machen wir nur? Sollen wir unsere Akten nicht sehen, dass wir gar nicht erst hinkommen?“, fragt man sich ja dann. Und dann hat uns aber einer vom Gemeindekirchenrat zum Zug gebracht und dankbarerweise fuhr auch gerade noch ein Zug, dass wir nach Potsdam kamen. Und haben dann eben unsere erste Akteneinsicht da vor Ort gehabt. Und haben gedacht, also die Sprache, also man ist ja erst einmal erschlagen von der Sprache. Und dann haben wir viele Worte gar nicht verstanden. Also man konnte sich manches gar nicht so schnell merken. Aber wir waren sicher, wir wollen es lesen und es wissen.

Hans-Peter Freimark: Es sind Sachen, die wir eigentlich nicht glauben konnten. Und auch nicht glauben würden, wenn wir die Akten nicht hätten. Zum Beispiel bei dieser Atomübung, kann man nachgucken, steht 1983 drinnen, dass ich als Feind liquidiert werden soll. So steht der Satz drinnen. Den kann ich Ihnen zeigen, liegt hier nebenan. Würden wir nicht mal glauben, hätten wir es nicht schwarz auf weiß.

Gisela Freimark: Es waren ja immer nur die Decknamen und dann haben wir uns natürlich so im Laufe der Zeit, als wir öfter mal Einsicht hatten, die Decknamen aufgeschrieben und dann beantragt, dass wir die Klarnamen bekommen. Und das dauerte ja auch immer eine Weile. Bei einigen ahnte man ja schon aus dem Zusammenhang, wer das sein kann. Und nicht alle sind entschlüsselt worden, aber doch eine ganze Menge von denen. Bei manchen haben wir uns gefragt „Ja wieso? Weshalb?“, keine Ahnung. Mit einigen haben wir versucht, also mit einem Pfarrer, ins Gespräch zu kommen, weil wir gedacht haben: Gut, mit dem müsste man ja darüber reden können. Warum, wieso? Wollten wir eigentlich bloß wissen. War aber überhaupt nicht möglich. Erschreckenderweise. Da waren wir auch sehr enttäuscht. Und da haben wir uns damals auch gesagt, das war ja relativ früh, `94, `92 dann schon: Wenn nicht innerhalb der Kirche einer, der Pfarrer sein wollte, leider nicht einmal zur Verantwortung gezogen worden ist. Was wir der Kirche insgesamt verübeln, denn er hat ein Beichtgeheimnis. Er hat seinen Dienst nicht ordentlich gemacht. Der hat weiterhin mit Wissen, dass er bei der Stasi war, seinen Dienst gemacht. Nicht einmal er war dazu bereit, darüber zu reden.

Hans-Peter Freimark: Eine Hoffnung und eine gute [Sache] wäre gewesen, wenn diese Leute gekommen wären oder ein Teil von ihnen und sagen: Wir haben aus diesen und jenen Gründen das gemacht. Und wir bitten um Entschuldigung, wir sehen es heute anders. Damals haben wir Sie als Feind angesehen. Oder: Wir sind erpresst worden. Es gibt ja viele Gründe. Man konnte ja bei einigen sehen, die für die Stasi gearbeitet haben, dass sie uns nicht belastet haben. Die haben eigentlich das geschrieben, was jeder wusste.

Gisela Freimark: Es wurde ja deutlich aus den Akten, dass immer wieder diesen Versuch der Disziplinierung – also dieses Wort ist so fürchterlich, aber man merkt es sich dann irgendwann – [gab]. Dass also es nicht geschafft wurde, meinen Mann zu disziplinieren. Also was man auch immer darunter versteht. Aber das haben sie ja nun nicht geschafft, dass er ein braver, angepasster Bürger wird.

Hans-Peter Freimark: Wir fühlen uns nicht als Opfer. Menschen, die gesessen haben, die sind Opfer. Und was sie mit denen gemacht haben. Manche sind ja richtig kaputtgemacht worden. Psychisch kaputt bis heute. Nein, das war bei uns nicht. Wir sind ja gut rausgekommen. Wir konnten anderen helfen, aber allen konnten wir nicht helfen, manche sind wirklich in den Knast gekommen und so. Sind wir nicht. Wir sind, ja muss ich sagen, behütet worden, obwohl viele mit dem Wort nichts anfangen können. Doch sind wir bei all dem. Nicht vorher, die Kraft gab es nicht vorher, sondern dann als wir dabei waren, ja. Und dass wir nicht zu allem schweigen oder geschwiegen haben.

…gut ist, …dass wir beide uns … einig waren.

…dass wir … zusammengehalten haben. Und uns …keiner…einen Keil dazwischen hat setzen können. Das haben sie … versucht an vielen Stellen.

Biografie

Sie kennen sich seit der Zeit in der Jungen Gemeinde in Perleberg. Gisela kommt aus einer Friseurfamilie. Ihr Vater unterstützt zwar nicht die Politik des Staates, sein Rat lautete aber: „Mach mal mit, damit Du was wirst.“ Sie findet irgendwann Hans-Peter überzeugender, er hat Mut und sagt laut seine Meinung. Der Vater fragt nur: „Mit diesem Wilden willst Du zusammen sein?“. Ja, das will sie und ist es bis heute.

Hans-Peter hat in der DDR keine Chance, das Abitur zu machen, also lernt er erst Kfz-Schlosser und beginnt später an einer kirchlichen Ausbildungsstätte ein Theologiestudium. Er verweigert den Wehrdienst und hat Glück, dass er dafür nicht inhaftiert wird. Sie entscheidet sich, Gemeindepädagogin zu werden. Gemeinsam übernehmen sie erst die Pfarrstelle in Sedlitz bei Senftenberg und dann die in Neustadt an der Dosse. Für die Staatssicherheit sind die Freimarks ein Problem, denn sie sagen öffentlich ihre Meinung und zeigen Haltung, sei es in der Predigt, in der offenen Kirchenarbeit oder wenn sie ihren Protest in die Öffentlichkeit tragen. Immer wieder hängen am Kirchturm Transparente mit der Aufschrift „Menschenrechte“, „Meinungsfreiheit“, „Pressefreiheit“ oder „Friedenserziehung statt Kriegsübung“.

Die Geheimpolizei der DDR versucht jahrelang, mit sogenannten Zersetzungsmaßnahmen die Freimarks zu isolieren, zu verleumden, sie mundtot zu machen und aus dem Land zu vertreiben. Auch vor einer Morddrohung schrecken sie nicht zurück. Natürlich haben Freimarks auch Angst und ihre vier Kinder müssen häufig Schwierigkeiten in der Schule erleben. Doch die Familie hält zusammen und lässt sich nicht einschüchtern. Sie lebt: „Die Angst darf uns nicht lähmen.“

Sie sind von Anfang ihrer Dienstzeit an dabei, friedlich die Verhältnisse zu verändern und auf Ungerechtigkeiten hinzuweisen. Nach ihrer Dienstzeit haben sie in Perleberg das Dokumentationszentrum aufgebaut. Es soll insbesondere jungen Menschen helfen, die Herrschaftssysteme der beiden deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts zu verstehen und welche Verantwortung alle in einer Demokratie zu übernehmen haben.

Dokumente

Hans-Peter und Gisela Freimark vor dem DDR-Dokumentationszentrum und Geschichtsmuseum.

Hans-Peter und Gisela Freimark vor dem DDR-Dokumentationszentrum und Geschichtsmuseum.

Quelle: Privatarchiv Familie Freimark