Horst Schüler

Klicken Sie auf das Bild, um das Interview abzuspielen.

Transkription

Also ich heiße Horst Schüler. Ich bin am 16. August 1924 in Babelsberg bei Potsdam geboren, das damals noch eine selbstständige Stadt war. Ich stamme aus einem Elternhaus, das sehr sozialdemokratisch geprägt ist. Mein Vater ist 1933 das erste Mal von den Nazis verhaftet worden und ist 1942 wieder verhaftet, 1941 wieder verhaftet worden, kam dann in das KZ Sachsenhausen und dort ist er am 5. Dezember 1942 auch gestorben.

Ich selbst bin ebenfalls politisch sehr geprägt worden durch mein Elternhaus und auch durch die Nazi-Zeit.

Bin zur Grundschule, zur Volksschule, hieß es ja damals, gegangen. Ein Besuch einer höheren Schule war durch die politische Einstellung meines Vaters uns verwehrt und außerdem hatten wir wahrscheinlich auch nicht das Geld, das zu bezahlen. Eine höhere Schule musste ja damals noch bezahlt werden. Und ich bin dann, 1938 habe ich eine Lehre als Schriftsetzer angetreten, habe diese Lehre auch abgeschlossen und bin danach 1941 gleich Soldat geworden. Meine Jahrgänge sind natürlich durch die Erziehung in der Hitlerjugend, im Jugendvolk und durch die ganze Diktatur, die Erziehung der Schule, die ja auch politisch beeinflusst worden ist, sind wir natürlich auch im nationalsozialistischen Sinne, unsere Generation, erzogen worden. Und bei den Jungen 14/15/16/17/18-Jährigen, wenn ein Krieg ausbricht, da wird natürlich auch so etwas wie das Vaterland verteidigen, ist wichtig für uns. Ja also diese Einstellung war schon da gewesen bei jungen Leuten. Also ich hatte meine Rekrutenzeit in Berlin-Kladow gemacht, bei einer Luftwaffeneinheit und bin dann zur Flugzeugführerschule gekommen. Die war zuerst in Graz gewesen, Thalerhof auf dem Flughafen und ist dann mehrfach verlegt worden. Zuletzt sind wir verlegt worden nach Ungarn und dann nachher noch nach Prag. Und von Prag sind wir als fliegende Einheit aufgelöst worden und sind in den Infanterie-, also in Erdeinsatz, an die Oder gekommen. Und an der Oder bin ich dann, bei Küstrin bin ich dann in die sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten.

Texttafel: Von April bis Dezember ist Horst Schüler in sowjetischer Kriegsgefangenschaft.

Ich wusste ja, meine Mutter war auch gestorben. Nach dem Tode meines Vaters ist meine Mutter sehr verzweifelt gewesen und war auch krank gewesen. Naja, wie soll man sagen? Ich glaube, sie war so verzweifelt, dass sie also froh war, dass ihr Leben zu Ende ging. Sie ist 43 gestorben. Und ich wusste also, dass ich, wenn ich nach Hause kam aus der Kriegsgefangenschaft, dass ich also keine Eltern mehr antreffen würde, sondern höchstens noch meinen Bruder antreffen würde. Mein Bruder war sieben Jahre jünger als ich und der ist also von Nachbarn aufgenommen worden und dort, bis ich wiederkam und wir also seltsamerweise unsere alte Wohnung, die meine Eltern in Babelsberg bewohnt hatten, die stand leer und blieb uns erhalten. Und wir haben dann also gemeinsam dort in dieser Wohnung gelebt.

Ich hatte einen Onkel gehabt, der Journalist war und der war in meiner Jugend immer so etwas wie mein Vorbild gewesen. Ja das wollte ich auch gerne werden. Und ich hatte mich damals bei der Märkischen Volksstimme, das war die Zeitung, die für Potsdam zugelassen war, hatte ich mich beworben. Und da ich durch das Schicksal meiner Eltern Opfer des Faschismus war, hatte ich also auch diese Möglichkeit, dass ich also sofort angenommen wurde. Und hatte dann eine zweijährige Volontärzeit gemacht. Und dann war ich als Redakteur tätig, habe vorher die Sportredaktion gemacht, aber auch andere Bereiche und bin eines Tages dann von meinem Chefredakteur aufgefordert worden zu dem sowjetischen Presseoffizier zu kommen. In Potsdam war die sowjetische Militäradministration stationiert, die einen sehr breiten Raum eingenommen hatte, in sehr vielen Häusern. Und ich bin also zu diesem Presseoffizier gekommen und hatte dann sehr schnell gemerkt, dass es kein Presseoffizier war, sondern dass es ein KGB-Geheimdienst-Mann war. Er machte auch keinen Hehl daraus, was er von mir wollte. Er meinte also, ich sei ja sicherlich allein schon durch das Schicksal meiner Familie daran interessiert, ein besseres Deutschland zu haben und sollte also mit dafür auch sorgen, dass Leute, die also gegen dieses bessere Deutschland, dass man die ausfindig machen kann. Mit anderen Worten: Er wollte also, dass ich in meiner Redaktion Leute bespitzele. Und das habe ich abgelehnt. Ich war also eigentlich auch empört darüber, über dieses Ansinnen. Ich habe ihm gesagt, dass mein Vater durch Spitzelei und durch das Anzeigen von Leuten dieses Schicksal erlitten hat und ich es eigentlich schon sehr, sehr befremdend finde, jetzt zu einer ebensolchen Spitzelei aufgefordert zu werden.

Texttafel: Horst Schüler beginnt, Artikel für die „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ zu schreiben. Einer in West-Berlin gegründeten Organisation.

Naiv, wie wir damals waren, hatten wir also gemeint oder ich auch mehr oder weniger gemeint, mich einer Widerstandsgruppe in West-Berlin anzuschließen, anstatt dass wir also unsere Koffer gepackt hätten und die ein, zwei S-Bahnstationen gefahren wären nach West-Berlin. Das war Naivität gewesen, denn ich glaubte, einem Opfer des Faschismus werden sie doch so schnell nichts tun. Das ging dann also eineinhalb Jahre gut. Und dann hatten sie also meinen Kontaktmann, den ich also in West-Berlin hatte und mit dem ich mich immer getroffen hatte, den haben sie entführt gehabt. Das war auch ein Babelsberger, der auch nach West-Berlin geflohen war, vorher. Und den haben sie entführt und haben ihn natürlich aus seinem Notizbuch oder aus seinem Gedächtnis heraus sehr schnell alle Namen ausgeschlagen, mit denen er Kontakt hatte. Die Folge war, dass wir also dann auch in den folgenden Tagen alle auch verhaftet wurden, die mit ihm Kontakt hatten.

Texttafel: Der Staatssicherheitsdienst der DDR verhaftet Horst Schüler und übergibt ihn zur Verurteilung an die sowjetische Geheimpolizei.

Und habe dort die sogenannte Untersuchungshaft gehabt. Naja, wie so eine Untersuchungshaft aussieht, das muss ich, glaube ich, nicht groß schildern. Es waren also jede Nacht Schläge, bis man also das gesagt hatte, was also der Untersuchungsoffizier, der verhörende Offizier hören wollte und alles zugab. Ich wurde dann auch gegenübergestellt, meinem Kontaktmann, den sie also aus West-Berlin entführt hatten. Habe ihn erst gar nicht wiedererkannt, so zerschlagen war er gewesen. Naja und dann kam ich vor das Sowjetische Militärtribunal und bekam meine 25 Jahre. Das war damals die normale Strafe, entweder 25 Jahre oder Todesurteil. Und warum ich kein Todesurteil gekriegt habe, das ist Glückssache.

Texttafel: Die sowjetische Geheimpolizei transportiert Horst Schüler nach Sibirien in ein sowjetisches Arbeitslager. Dort muss er im Kohlebergbau arbeiten.

Dort in dem Hauptlager erst mal aufgeteilt wurde, in welche Nebenlager man kam. Und diese Nebenlager waren ja auch in ihrem Regime sehr unterschiedlich gewesen. Und ich kam also in das Lager zehn, das zum 29. Schacht gehörte. Jedes Lager war ja einem Schacht angegliedert, einem Bergwerk angegliedert. Naja und in diesem Schacht habe ich dann arbeiten müssen, unter Tage. Sie wurden einer Brigade zugeteilt und diese Brigade hat entweder Kohle geschaufelt, die hat unten die Kohle in dem Hauptstollen in die Wagen geschippt und so weiter. Aber die meiste Arbeit war natürlich, dass die Kohle, die durch Bohrungen, durch Sprengungen abgesprengt wurde, dass die also nach unten in den Hauptgang gebracht wurde. Das heißt, sie wurde auf solche, wie soll man sagen, solche Bleche, die also herunterführten, geschippt. Und je nachdem wie groß der Stollen gewesen ist, in dem man arbeitete, war das natürlich auch dann, das bedingte auch die Schwere der Arbeit. Manchmal, wenn man einen großen Stollen hatte, in dem man stehen konnte, war das natürlich sehr viel leichter, als wenn man einen abgesprengten Stollen hatte, in den man also nur kniend hereinkam oder auch liegend diese Arbeit machen musste. Das war natürlich eine schwere Arbeit. Und da wir am Anfang natürlich auch viele sprachliche Schwierigkeiten hatten, wir also auch gar nicht verstanden, was der Brigadier von uns wollte, wurde uns das natürlich auch manchmal einfach mit Schlägen beigebracht. Das ist eigentlich nicht weiter schlimm gewesen, aber so war es eben. Bis man eben nach einigen Wochen dann immer ein bisschen mehr von der Sprache lernte und dann letztlich nachher auch wusste, was die von uns wollten. Dann bekamen wir also auch durch den Lagerrundfunk mit, dass also eine deutsche Regierungsdelegation nach Moskau kommen würde, um über unser Schicksal zu verhandeln. An der Spitze Konrad Adenauer, der uns ja noch ein Begriff gewesen ist, uns politischen Häftlingen, aber den Kriegsgefangenen kein Begriff war. Und dann erfuhren wir also auch über den Lagerrundfunk immer die, nee, vorher war ja noch die deutsche Fußballnationalmannschaft nach Moskau gekommen, gewissermaßen als Ouvertüre für diesen Regierungsbesuch und hat dort in Moskau gespielt und wir haben über Lagerrundfunk die Übertragung gehört. Wir durften das alles mit anhören, die deutsche Nationalhymne und unsere Kriegsgefangenen waren also, standen also, naja es war natürlich ein wahnsinniges Erlebnis, dort nach so einer langen Zeit auf einmal die Nationalhymne zu hören. Naja und dann bekamen wir also die sowjetischen Fernsehberichte über die Gespräche, die die Regierungsdelegation dort führte. An einem Tag war Hoffnung, an einem anderen Tag ging alles: „Ach, die reisen wieder ab.“ Das ging ja wohl so vier, fünf Tage, so etwa. Naja und dann, als dann praktisch diese Ergebnisse doch erfolgreich beendet wurden. In den folgenden Wochen und Monaten kamen wir dann also in einzelnen Transporten auch tatsächlich nach Hause.

Tafeltext: Nach kurzem Aufenthalt in West-Berlin zieht Horst Schüler mit seiner Frau nach Hamburg und arbeitet dort als Journalist beim Hamburger Abendblatt.

Das war für uns natürlich, als ob wir von der Hölle ins Paradies kommen, ja sage ich mal so. Also wir waren ja, es dauerte eine Weile, bis man sich in diesem neuen Leben wieder eingewöhnt hat, aber das war ja kein schlechtes Eingewöhnen. Das war ja ein ständiges Staunen, was also neu gewesen ist, wie sich das Leben verändert hat, auch in den Jahren, wie die Städte wieder angefangen hatten, Städte zu sein, die Schaufenster voll waren, gerade in West-Berlin und in Hamburg. Naja also das war schon toll gewesen, ja.

Die seelischen Schäden, die waren natürlich da und die sind natürlich sehr unterschiedlich bei vielen gewesen. Bei den Versorgungsämtern, die wir also aufsuchen mussten, haben wir oft nicht das Verständnis gefunden, was wir also erhofft hatten. Es ist auch sehr schwer für einen zivilen Arzt, sich in einer so kaputtgeschlagenen Seele da zurechtzufinden und die wieder zu flicken. Und das war einerseits einer der Hauptgründe, die wir also auch in den Jahren danach beklagt haben, dass man also dieses nicht wahrgenommen hat. Manche haben es wahrgenommen, aber die meisten Versorgungsämter standen dem hilflos gegenüber. Meine Frau hat sehr darunter gelitten, dass ich also auch bis heute noch manchmal, wenn ich träume, um mich schlage und in diese Zeit wieder zurückversetzt werde. Das ist eben ein doch ganz einschneidendes Erlebnis gewesen oder Zeit gewesen, die einen also Zeit seines Lebens verfolgen würde. Ja und das ist eben halt so gewesen. Als das Ganze alles wiederauflebte, das geschah dann erst wieder nach der Wiedervereinigung, nach 89/90 dann, als dann auch die Lagergemeinschaften sich bildeten, die ja vorher doch hin und wieder Kontakt hatten, aber lange nicht so in dieser organisierten Form, wie das sich dann später herausbildete, ja.


Er wollte also, dass ich in meiner Redaktion Leute bespitzele. Das habe ich abgelehnt.

Biografie

Horst Schüler, 1924 in Babelsberg geboren, kommt aus einem sozialdemokratischen Elternhaus. Der Vater wird 1933 von den Nationalsozialisten verhaftet und kommt 1942 im KZ Sachsenhausen ums Leben. Die Mutter stirbt kurze Zeit später.

Nach einer Lehre als Schriftsetzer wird er 1938 eingezogen, ist bis zum Kriegsende Soldat und gerät an der Oder in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Zurück in Babelsberg bewirbt er sich 1946 bei der Märkischen Volksstimme, einer Zeitung, als Journalist. Er wurde nach erfolgreichem Eignungstest und nach einem Volontariat bei der Märkischen Volksstimme angenommen. Jeden Mittwoch und Samstag schrieb Horst Schüler zusätzlich in einer Kritikspalte Namens „Kiekeohr“ über die Zustände in der Versorgung der Bevölkerung. An diesen beiden Tagen waren die Zeitungen regelmäßig ausverkauft.“

Etwas später versucht die sowjetische Geheimpolizei, ihn als Spitzel zu werben. Er soll über seine Zeitungsredaktion Berichte liefern. Horst Schüler ist empört. Bereits sein Vater wurde aufgrund von Spitzelberichten während der Nazi-Diktatur verhaftet. Er lehnt den Auftrag ab. Stattdessen will er nun etwas tun, damit nicht wieder eine neue Diktatur entsteht. Er schreibt anonym Artikel für die West-Berliner Organisation „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“. Er meint, der Sohn eines KZ-Häftlings sei in der DDR vor Verfolgung geschützt.

Dass er sich irrt, zeigt sich 1951. Sein Kontaktmann in West-Berlin wird entführt. Die sowjetische Geheimpolizei verurteilt Horst Schüler zu 25 Jahren Lagerhaft. Er muss er in Workuta, einem Gulag-Lager in Sibirien, Zwangsarbeit im Kohlebergwerk verrichten.

Nach dem Besuch von Konrad Adenauer in Moskau wird auch er 1955 aus der Haft entlassen. Er geht sofort in die Bundesrepublik und kann als Journalist beim Hamburger Abendblatt arbeiten. Wie viele ehemalige Lagerhäftlinge leidet auch er an den seelischen Folgen der Haft. Horst Schüler bedauert, dass es der Gesellschaft und insbesondere den Versorgungsämtern an Verständnis dafür mangelt.

Dokumente

Übersicht der Unterlagen, Fotos, Dokumente die Herr Horst Schüler für das Zeitzeugen-Portal zur Verfügung gestellt hat.