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Transkription
Mein Name ist Regina Hermann. Ich bin am 19.09.1947 geboren in Mahlow bei Berlin, bei West-Berlin, damals ganz strikt getrennt. Und ich hatte noch zwei Geschwister, wohnte mit meinen Großeltern, mit meinen Eltern in einem schönen großen Haus ohne Nachbarn ganz alleine, ganz unbeobachtet, wie wir geglaubt haben. Und mein Vater war ein privater Handwerker. Er hat ein Friseurgeschäft gehabt. Und das war der Grund, weshalb wir ständig unter Beobachtung standen und weshalb ich dann später, speziell ich, die Schwierigkeiten bekommen habe. Wir waren im Visier der Behörden, weil es meinem Vater recht gut ging. Der hat gut verdient. Und wir sind ganz viel in West-Berlin gewesen. Was uns drüben fehlte, haben wir in West-Berlin gekauft. Und Filme, die wir sehen wollten, haben wir dann in West-Berlin gesehen oder eben alles, was schön war, war in West-Berlin. Als kleines Kind, ich konnte nie verstehen, weshalb meine Eltern freiwillig dageblieben sind. Ich konnte das nie verstehen, warum die zurückgegangen sind. Ewig die Kontrollen, wenn wir zurückgegangen sind und immer die Ängste, wenn wir was eingekauft haben. Aber es war halt so. Das große Haus war da und wir waren alle zusammen. Und meine Großeltern waren ja letzten Endes auch der Grund, weshalb wir drübengeblieben sind. Also der Hauptgrund, wie ich später erfahren habe. Meine Großeltern haben gesagt: „Wir gehen hier nie weg. Wir möchten hier beerdigt werden.“ Meine Mutter hat gesagt: „Ohne meine Eltern gehe ich nicht.“ Das war der Grund. Von Anfang an haben die Behörden versucht, meinem Vater das Geschäft wegzunehmen, das zu verstaatlichen, was ja gang und gäbe war, das war ja das Ziel, dass alles verstaatlicht wird. Und so sollte auch unser Geschäft verstaatlicht werden. Aber mein Vater hat sich bis zum Schluss, bis zum Schluss dagegen gewehrt. Der hat das durchgesetzt bis zum Schluss. Der hat das geschafft, indem wir alle mitgearbeitet haben, wir teilweise ohne Lohn und ohne Gehalt gearbeitet haben, weil das dann irgendwann nach dem Mauerbau, das ist der Sprung jetzt nach dem Mauerbau, nichts mehr eingebracht hat. Die Leute sind alle zuhause geblieben. Die hatten keine Motivation mehr, wegzufahren, nach West-Berlin zu fahren. Jeder ist für sich geblieben. Und es ist halt alles zurückgegangen. Und so haben wir dann ohne Geld gearbeitet. Wir haben dann noch zuhause gewohnt, meine Geschwister und ich. Und eine Tante in Berlin hat immer mal Geld zugeschoben. Und so haben wir uns immer wieder durchgewurstelt, aber mein Vater hat sein Geschäft nicht aufgegeben, hat auch seine Linie nicht aufgegeben.
Texttafel: Regina Herrmann geht zur Christenlehre. Später wird sie auch Pionier, um nicht benachteiligt zu werden. Sie ist unangepasst und wird schikaniert.
Es gab ja, das werden viele andere auch kennen, einen Fahnenappell jeden Montag an der Schule. Und da musste ich oft genug und mein Bruder auch, wir mussten oft genug vortreten. Wir sind dann vor der versammelten Schule runtergemacht worden. Weil ich hatte Lederschuhe an. Ich musste dann nach Hause gehen und musste die [ausziehen], weil die konnten nur im Westen gekauft sein, im Osten gab es damals keine Lederschuhe. Die waren aus Bakelit. Das sah aus wie Hartplastik. Dann musste ich nach Hause gehen, musste andere [anziehen], bin zurückgekommen, hatte andere Lederschuhe an. Ich habe keine anderen gehabt. Und mein Bruder musste nach Hause gehen, musste die Jeans ausziehen, musste eine andere anziehen, so Sachen. Und wir sind auch dann wirklich zur Schnecke gemacht worden. Die haben so im Quadrat gestanden auf dem Schulhof, die Fahne wurde gehisst und dann mussten alle vortreten, die was ganz Tolles geleistet haben und die, die eben die Looser waren. Das waren wir. Und da ist dann schonmal gesagt worden, wie viele Leute hat dein Vater dafür wieder ausgebeutet, dass ihr solche Sachen auf dem Körper habt. Ja ja, solche Sprüche sind gekommen. Und nicht nur, dass die Lehrer uns drangsaliert haben, dass die uns oder mich regelmäßig zur Schnecke gemacht haben, ich war die Ausnahme in der Klasse. Ich war immer diejenige, die völlig anders war. Weil es waren, jetzt mal so in Anführungszeichen, die meisten waren eben Arbeiter- und Bauernkinder und die haben da drüben gewohnt. Und die haben sich angepasst. Und die haben ihre Klamotten getragen. Und das ist halt aufgefallen. Meine Klamotten waren halt alle aus dem Westen. Und ich habe halt anders ausgesehen. Und so bin ich eben auch behandelt worden von den Lehrern und teilweise auch von den Schülern. Ja ausgegrenzt, absolut ausgegrenzt. Und zu uns nach Hause durfte nie jemand kommen aus Sicherheitsgründen. Meine Mutter sagt: „Ich denke nicht dran, das Radio auszustellen oder den Fernseher auszustellen, Gespräche einzustellen, je nachdem wer kommt.“ Also zu uns sind nur die Leute gekommen, denen wir 110 Prozent vertraut haben. FDJ kam überhaupt nicht in Frage, also Jugendweihe kam überhaupt nicht in Frage. Ich bin konfirmiert worden. Aber auch das war ganz schrecklich. Weil wir mussten ja dann immer sonntags in die Kirche gehen. Das wurde abgehakt, ob man da war oder nicht. Bis man dann zur Prüfung zugelassen wurde. Aber wir sind dann immer, als wir aus der Kirche kamen, fotografiert worden. Da standen dann Leute draußen, die haben uns fotografiert. Das war alles bedrohlich. Da war ich ja schon so vierzehn, das war dann schon bedrohlich. Und irgendwann kam eine Lehrerin zu uns privat nach Hause und hat gesagt: „Lassen Sie ihre Tochter an der Jugendweihe teilnehmen. Ihr Studium kann sie abhaken sonst.“ Ja, da blieb uns nichts weiter übrig. Und dann gab es die Jugendweihe, da musste man diesen Eid sprechen, den ich nicht mitgesprochen habe, auf keinen Fall. Und dann gab es rote Nelken und wir sind rausgekommen und wie die alle eine Feier gemacht haben. Konnten wir gar nicht verstehen. Ich habe diese Blumen, ich hasse rote Nelken, über den nächsten Zaun geschmissen und bin nach Hause. Das war der Tag. Mehr war da nicht. Aber nach der Jugendweihe, da sind dann diese Leute gekommen und haben mich aus der Klasse rausgeholt, danach, und haben gesagt: „Bis hier hin und nicht weiter. Deine Eltern tun nichts für den Staat, also kann der Staat nichts für euch tun.“ Das war die ganze Begründung.
Texttafel: Eigentlich will Regina Herrmann Ärztin werden. Als ihr das Abitur verweigert wird, beginnt sie notgedrungen eine Lehre bei ihrem Vater.
Aberkurz davor, bevor ich volljährig wurde und wenn ich zurückdenke an und für sich die ganzen Jahre zuvor auch noch, habe ich es nicht gemerkt. Später habe ich es gemerkt. Habe ich schon gemerkt, dass der Staatssicherheitsdienst mich im Auge hatte. Das fing an mit fünfzehn, wenn ich zurückdenke, also nach der achten Klasse. Die waren immer irgendwie anwesend, immer irgendwer. In der Regel waren es Männer, die anwesend waren, uniformierte Männer, also Soldaten, Offiziere. Die waren wie ein Schatten. Wo ich war, waren die auch. Sie haben mich angesprochen. Ich habe es damals darauf zurückgeführt, man war jung, hat vielleicht auch ganz gut ausgesehen, so habe ich es ausgelegt. Nicht, dass sie Interesse hätten, warum aber so viele, habe ich mich dann auch gefragt. Und warum so plump teilweise? Sie waren halt immer da. Aber ich bin dann, kurz bevor ich achtzehn war, müsste es gewesen sein, bin ich vom Geschäft meines Vaters abgeholt worden. Da ist ein Wartburg vorgefahren und da sind drei Männer ausgestiegen. Die haben mich nach meinem Namen gefragt und haben mich mitgenommen. Und mein Vater ist sofort dazwischen „Moment“, sagt er. „So geht das nicht. Sie arbeitet hier. Wer sind sie? Was wollen sie? Können sie sich ausweisen?“ Und dann haben sie kurz den Ausweis gezeigt und haben mich dann tatsächlich mitgenommen. Naja da bin ich dann verhört worden, ich sei als Staatsfeind bekannt. Meine ganze Familie wären Staatsfeinde und ich hätte mich staatsfeindlich geäußert. Und dann haben die mir alles aufgezählt, was ich hier und da und dort gesagt habe. Teilweise hat das auch gestimmt. Und man warf mir Republikflucht vor, geplante Republikflucht. Was auch stimmte. In dem Moment, als ich die Schule verlassen musste, da war ich knapp fünfzehn und da war ich ganz fest davon überzeugt, dass ich in diesem Land nicht bleibe. Dass ich es verlasse. Erstmal haben sie mir gesagt, ich würde vor ein Gericht gestellt werden und ich würde ins Zuchthaus kommen, nicht ins Gefängnis, ins Zuchthaus kommen. „Das ist Staatsverrat und das ist verbrecherisch. Und das wird ein öffentlicher Prozess. Die Journalisten werden anwesend sein, die Zeitungen werden berichten. Deine Eltern können das Geschäft zumachen, wenn das publik wird.“ Das ging immer nur gegen meine Eltern, gegen das Geschäft. Ich bin immer kleiner geworden auf meinem Stuhl. Ich wollte das meinen Eltern nicht antun. Ich wollte nicht, dass meine Eltern durch meine unvorsichtige Klappe, die ich sicherlich hatte, Schwierigkeiten bekommen. Und ja sage ich: „Was können wir denn jetzt machen?“ Und da haben die schon alles parat gehabt. Da haben die gesagt: „Hier ist ein Stift, hier ist ein Zettel, schreiben sie mal.“ Und dann haben die mir praktisch eine Verpflichtungserklärung diktiert. Die habe ich in meinen Papieren auch drin. Die habe ich in Kopie. Sie haben mir einen Text diktiert, dass ich mich freiwillig verpflichte, für den Staatssicherheitsdienst zu arbeiten. Und das musste ich unterschreiben. Und das habe ich auch unterschrieben. Aber ich habe das damals, während die Männer das diktiert haben, habe ich genau gewusst, die können machen, was sie wollen. Ich werde niemanden verraten. Ich werde keine Situation verraten. Die werden von mir nie eine Antwort kriegen. Die Schwierigkeit war, dass die von da an mich kontaktiert haben. Und sie hatten mir vorher versichert oder ich musste versichern, mit niemandem drüber zu sprechen, auch nicht in der Familie. Sie würden das sofort rauskriegen und wir würden alle ins Gefängnis kommen. Nicht nur ich, alle. Und ich habe das geglaubt. Von da an war dann die Schwierigkeit. Ich meine, ich wohnte zu Hause und wir hatten, was auch eine Ausnahme war damals, weil meine Eltern das Geschäft hatten, Telefon zu Hause. War ja auch nicht selbstverständlich. Und immer, wenn in Abständen das Telefon klingelte, haben die nur einen Ort und einen Zeitpunkt durchgegeben und da hatte ich zu erscheinen. Und das soll mal jemand nachmachen, der im Elternhaus wohnt, der da integriert ist, das Mittagessen ist fertig, das Abendessen ist fertig, Besuch kommt, irgendwelche Leute sind eingeladen, oder eben ich muss zur Arbeit gehen, zu sagen: „Ich muss mal eben weg“. Das war so schwer, das glaubwürdig rüberzubringen. Das war so schwer. Ich weiß noch, das erste Treffen war in der Nähe vom Bahnhof. Die haben immer ganz dunkle Gegenden, ganz dunkle Gegenden ausgesucht, kamen in Zivil und standen dann an irgendeiner dunklen Ecke. Und haben sich dann bemerkbar gemacht. Und die haben dann das Übliche gefragt: „Was macht der? Was hat der vor? Was hat der gesagt?“ Im Prinzip wollten sie nur mich ausfragen über Freunde, von denen sie genau wussten, dass sie auch wegwollten, so wie ich. Das war der Punkt. Und ich dann gesagt: „Ja weiß ich nicht. Kann ich nicht sagen, habe ich lange nicht gesehen.“ Und habe mich immer so rausgewunden. Und dann gab es das nächste Treffen und ich wieder immer nur: „Weiß ich nicht, habe ich nicht gesehen.“ Aber es führte auch dazu, dass ich dann, so jung wie ich war, also praktisch meine ganze Jugend aufgegeben habe. Ich bin tatsächlich nirgendwo mehr hingegangen, kein Kino, keine Tanzveranstaltung, nichts mehr. Nur um keine Leute zu treffen, um reinen Gewissens sagen zu können: „Kann ich nicht sagen, habe ich nicht gesehen.“ Und das war eine ganze Weile so. Ich hatte einen Schulfreund, der wirklich auch vertrauenswürdig war. Und wir haben uns dann privat immer wieder mal getroffen. Es gab zu Hause einen See, sind dann manchmal an den See gefahren und auch manchmal ins Kino gegangen. Aber nur wir zwei, da kam dann niemand anderes dazu. Aber von da an war es für mich dann doppelt hart. Dann habe ich überlegt: Was könnte ich machen? Im Tunnel habe ich Angst, runterzugehen, wer weiß. Also es war mir zu unsicher, über die Mauer dann sowieso nicht. Dann habe ich überlegt, tatsächlich überlegt, würde ich so einen Grenzer kennenlernen – naiv, da war ich noch nicht ganz volljährig -, ob der mich dann rüberlässt, wenn er Dienst hat. So habe ich dann auch überlegt.
Texttafel: Regina Herrmann verliebt sich in einen Medizinstudenten aus Ecuador. Sie offenbart ihm ihre Kontakte zur Staatssicherheit.
Und da hat er gesagt: „Wenn du dahin gehst das nächste Mal, dann sag klipp und klar, ich kann das nicht mehr. Ganz, ganz deutlich, ich kann es nicht mehr und ich kann das auch nicht mehr für mich behalten. Und geh in keine dunkle Ecke mehr. Warte im Licht, sodass er dich sehen kann und er muss zu dir kommen, nicht umgekehrt.“ Und genau so habe ich es dann auch gemacht. Wir haben uns dann auf dem Bahnhof getroffen und ich habe den stehen sehen. Ich habe den tatsächlich stehen sehen. Aber ich habe dann im Licht gewartet. Und der musste dann zu mir kommen und hat mich dann erstmal zur Schnecke gemacht. Das wäre nicht die Verabredung und was das denn soll. Und dann habe ich gesagt: „Hören sie mal, ich mache das jetzt so und so lange“, das waren ja immer andere, „Ich kenne keinen von Ihnen. Warum soll ich denn Vertrauen zu Ihnen haben? Wer weiß, was sie wirklich von mir wollen. Ich möchte das nicht mehr. Ich habe Angst vor Ihnen. Ich mache das nicht mehr.“ Danach bin ich nochmal irgendwohin bestellt worden, da kam keiner mehr. Und so ist es geblieben. Von Stunde an kam keiner mehr.
Texttafel: Nach drei Jahren erhält Regina Herrmann die Genehmigung, ihren Freund zu heiraten und nach Ecuador auszureisen. Sie lebt mit ihm in West-Berlin, später in Hanau. Die Tochter wird geboren. Die Ehe scheitert. Vom Fall der Mauer erfährt sie in Neuss.
Da habe ich in Neuss gewohnt. Ich bin da beruflich nach Neuss gegangen, hab ja immer mich durchjobben müssen. Ich habe ja nichts gelernt. Also ich habe diesen Beruf hier nicht anwenden können und auch nicht wollen. Ich habe hier nicht eine Minute als Friseuse gearbeitet, im Westen nicht. Ich habe mich auf alles Mögliche beworben, aber nicht in dem Bereich. Und da habe ich eben so verschiedene Sachen gemacht. Und da habe ich für eine Computerfirma gearbeitet an der Rezeption. Die gab es ja weltweit, da wurde in Düsseldorf jemand gebraucht und dann bin ich dann nach Düsseldorf gegangen und habe in Neuss gewohnt. Und hab von der ganzen Entwicklung immer nur am Rande mitgekriegt, durch diese Leipziger Demonstration, wie in Berlin die Leute auf die Straße gingen, aber hab nicht im Entferntesten daran geglaubt, dass daraus was wird. Überhaupt nicht, im Gegenteil, ich habe gedacht, irgendwann knallt das so wie am 17. Juni und dann ist Ruhe im Karton. So habe ich gedacht. Und dann bin ich abends nach Hause gekommen. Wir hatten so ein kleines Appartement zuerst und habe mir den Fernseher angemacht und habe gesagt: „Die Mauer wird eingerissen. Das glaube ich jetzt nicht.“ Ich konnte es nicht glauben. Ich konnte es nicht glauben. Ich wäre am liebsten sofort nach Berlin gefahren, wäre natürlich am liebsten mittendrin gewesen. Das ging halt nicht.
Texttafel: 1995 kann Regina Herrmann Einsicht in ihre Stasi-Akte nehmen.
Ich habe die bekommen. Ich glaube 1995. Ja, es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich die bekam. Und mache den Umschlag auf und habe mich also förmlich zu Boden sinken lassen. Ich war fertig mit der Welt, wie ich gelesen hatte, dass ich als IM geführt wurde. Aus heutiger Sicht natürlich klar, ich habe diese Verpflichtung unterschrieben. Aber ich habe im Leben nicht damit gerechnet, ich hatte auch einen IM-Namen – Ina -, die drei letzten Buchstaben von meinem Namen, Ina Flor, Flora Park ist ein Lokal, wo ich ab und zu mal drin war. Ina Flor, so reime ich mir das zusammen. Ich sehe keinen anderen Zusammenhang. IM Ina Flor. Und dann bin ich damit nicht fertig geworden, dieses schwarz auf weiß nochmal zu sehen, IM. Soviel kann man sich ja gar nicht rechtfertigen. Dann habe ich mir überlegt, wenn ich jetzt plötzlich hier tot umfalle in der Wohnung und jemand findet diese Unterlagen, was denkt meine Tochter von mir? Was denken dann die Enkel von mir? Und dann bin ich auf die Idee gekommen, ich möchte da rehabilitiert werden. Ich möchte das machen. Genau. Es hat dann auch lange gedauert und ich weiß nicht, wie viele Papiere ich bringen musste noch. Genau so wie damals mussten wir lauter Papiere bringen und die Unterlagen alleine und so weiter. Aber das ist tatsächlich anerkannt worden. Ich hatte dann nochmal, es gibt ja diese Opferrente, beantragt. Das ist auch abgelehnt worden. Dazu sei ich zu gesund und ich hätte ja in jungen Jahren hier im Westen eine Umschulung machen können. Ich hätte ja hier, ich hätte, ich bin hierhergekommen und bin bis zum heutigen Tage dem Staat nicht zur Last gefallen. Ich habe immer gearbeitet, das habe ich immer gemacht. Und habe dann ein Kind gehabt. Und war dann letzten Endes alleinerziehend und habe mich immer alleine durchgeschlagen. Ich bin zu keinem Sozialamt gegangen. Ich habe nicht noch zusätzlich eine Ausbildung machen können. Das hätte ich nicht geschafft. Und ich habe dann auch so ein Selbstverständnis gehabt meiner Tochter gegenüber, ich glaube das mag altmodisch sein, aber ich hätte sie halt nirgendwo abgeschoben, wenn ich stundenlang gearbeitet hätte und in der Schule gesessen hätte. Also für meine Begriffe schaffe ich mir kein Kind an, um es dann einen ganzen Tag irgendwo abzugeben oder es nur noch zum Schlafen zu Hause zu haben. Das wäre halt nicht in Frage gekommen, für mich kam auch keine weitere Ausbildung in Frage. Ich habe mich immer so durchgeschlagen und ich habe immer gesagt, zu DDR-Zeiten habe ich immer gesagt, als ich mich entschlossen habe, ich bleibe hier nicht, habe ich immer gesagt, alles was ich wirklich richtig will, ich muss es nur wirklich richtig wollen, schaffe ich auch. Und vor zwei, drei Jahren habe ich gesehen, der Immanuel Kant hat mal gesagt, ich kann, weil ich will und was ich muss. Ja, ich habe es geschafft. Aber es hält bis heute an, glauben sie es. Die Folgen davon, aber immerhin bin ich rehabilitiert. Ich kann das jedem vorlegen und die in Potsdam hätten gar nicht so ein Gedöns machen müssen, denn in den Stasi-Unterlagen steht hinten auf der letzten Seite „…eine wirkliche Zusammenarbeit des IM mit dem Organ ist nicht festzustellen“. Im Gegensatz „die wird zur Belastung. Die Akte wird geschlossen.“ Mit einem Satz hätte man das lesen können und man hätte mich rehabilitieren können und nicht jahrelang warten lassen müssen.
Aber es hält bis heute an, glauben Sie es. – Die Folgen davon, aber immerhin bin ich rehabilitiert.
Biografie
Regina Herrmann wird 1947 geboren und wächst mit zwei Geschwistern in Mahlow auf. Ihr Vater ist selbständiger Friseurmeister mit gut gehendem Geschäft. Die Familie ist ständig behördlichen Schikanen ausgesetzt, das Geschäft soll verstaatlich werden. Sie erlebt Demütigung und Ausgrenzung in der Schule. Oft wird sie beim Fahnenappell wegen ihrer westlichen Kleidung angeprangert.
Statt das Abitur zu machen, erhält sie einen Schulverweis. Sie wollte Medizin studieren, jetzt muss sie notgedrungen eine Lehre beim Vater beginnen. Kurz vor dem 18. Geburtstag wird sie festgenommen. Die Staatssicherheit wirft ihr staatsfeindliche Hetze und Fluchtpläne vor und droht mit Haft und Enteignung der Eltern, wenn sie nicht durch inoffizielle Mitarbeit ihre Fehler wieder gut macht. Regina weiß, dass sie kritische Äußerungen oft nicht unterdrücken kann. Doch sie will unbedingt verhindern, dass ihre Eltern dafür leiden müssen. Sie ist verzweifelt und unterschreibt die diktierte Verpflichtungserklärung.
Um niemanden zu verraten, vermeidet sie fortan jeden Kontakt mit denen, über die sie der Stasi berichten soll. Sie zieht sich vollkommen zurück, schämt sich vor den Eltern und kann sich niemanden anvertrauen. Erst als ihr zukünftiger Ehemann, ein Mediziner aus Ecuador, sie unterstützt, getraut sie sich, der Staatssicherheit entgegenzutreten und deutlich zu sagen, dass sie nicht mehr mitmacht. Nach der Heirat mit ihm kann sie nach vielen Schwierigkeiten ausreisen.
Als 1990 das Archiv der Staatssicherheit geöffnet wird, ist ihr klar, dass da steht, sie sei eine inoffizielle Mitarbeiterin gewesen. Was würde ihre Tochter von ihr denken? Sie beantragte ihre Rehabilitierung, mit Erfolg. Die große psychische Last, die sie in ihrer Jugend tragen musste, spürt sie bis heute.