Thomas Drescher

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Transkription

Mein Name ist Thomas Drescher, ich bin hier in Schildow groß geworden, also direkt – wo ich jetzt hier sitze – war früher ein Gartenteil. Schildow befindet sich am nördlichen Stadtrand von Berlin. Ich bin 1967 geboren worden, in Hennigsdorf, das ist auch nicht ganz so weit von hier. Habe hier eine schöne Kindheit verbracht, zusammen mit meinen Halbgeschwistern. Viele waren aber schon älter, die sind dann schon ausgezogen. Und wo ich sieben Jahre alt war, ist leider mein Vater weggegangen von hier. Dass ich dann mit meiner Mutter und meinem Halbbruder hier zusammen war und später hat dann meine Mutter einen neuen Mann kennengelernt, der uns dann hier unterstützt hat.

Hab dann viel Zeit hier verbracht mit Freunden, war hier viel unterwegs in Schildow. Bin dann hier auch zur Schule gegangen, 10 Jahre.

Ja, also bei Pionieren, da bin ich reingerutscht. Da habe ich aber damals schon gemerkt, da stand in diesem Statut als erstes: „Wir lieben die Deutsche Demokratische Republik.“ Und dann kam erst: „Wir lieben unsere Eltern.“ Und da habe ich mich schon gefragt – hatte aber nicht den Mut, zu sagen, dass ich das nicht möchte, auch wegen dem Gruppenzwang, dass man dann doch irgendwie dabei sein wollte -, wie das denn sein kann, dass man geloben muss, dass man seine Eltern liebt. Das finde ich schon mal ganz komisch. Und dann, dass die DDR vor den Eltern kommt.

Wir haben es dann auch später erst so richtig gemerkt, dass das so richtig ausgerichtet war. Haben dann auch innerhalb der FDJ-Versammlung oder so oft unser FDJ-Hemd nicht angezogen und waren auch sehr oppositionell. Wir haben dafür dann auch richtig Ärger bekommen. Und dann gab es ja immer dieses FDJ-Studienjahr, das hat gar keinen so richtig interessiert. Es gab dann immer so ein paar Leute, die das dann gemacht haben. Und irgendwann hat man dann wirklich gemerkt, aber man war dann auch irgendwie zu faul, auszutreten. Also mir ist so nicht bekannt, dass da jemand ausgetreten ist oder das gemacht hat. Ja, wichtiger waren für uns diese Treffen, also mit Freunden, gerade die gleichgesinnt waren. Wir waren viele, die die DDR überhaupt nicht gut fanden.

Also das hat sich eigentlich so in der achten Klasse besonders herauskristallisiert. Neunte, zehnte Klasse wurde es dann halt immer schlimmer, da hat man dann schon gesehen die Auswahl. Dass Leute, die wirklich gute Noten hatten und vielleicht sogar die Erweiterte Oberschule, also Elfte, Zwölfte, hätten machen können, nicht genommen wurden, weil sie sich halt nicht für drei Jahre verpflichten wollten. Bei mir gab es auch so ein Gespräch. Ich stand eigentlich gar nicht so schlecht, aber: „Das kommt sowiesonicht für dich in Frage“, und so. Also viele wurden praktisch schon ausgesucht. Und das hat man dann immer mehr gemerkt und es bei mir richtig gereift ist, also gemerkt habe, dass ich nicht mehr hierbleiben möchte, also in der DDR.

Auch die örtliche Nähe hier direkt zur Mauer war natürlich nicht unerheblich. Dass man immer gesehen hat, wenn wir hier mit dem Moped und so rumgefahren sind mit Freunden, waren wir praktisch immer damit konfrontiert.

Oft wird ja auch davon geredet: „Ja die Heimat, war die DDR deine Heimat?“ Also die, die Bäume, die, die Gegend hier, die Erlebnisse mit den Freunden und man hat ja nicht den ganzen Tag gesessen und gesessen und geheult, ja? Natürlich war es irgendwo Heimat, aber den Staat als Heimat, also die DDR, das habe ich, das habe ich immer abgelehnt. Und für mich hat sich das wie ein Puzzle zusammengesetzt. Und wenn man das Puzzlebild sieht, war es eigentlich nur noch wie so ein Pfeil, weg, also weg hier aus der DDR.

Und dazu zählte auch eine Begebenheit von meinem Halbbruder, der kam nach Hause von der Schule und sagte zu mir: „Also wenn ich merken würde, dass du fliehen willst, also ich würde das auf jeden Fall melden und wenn ich an der Grenze wäre, würde ich sogar auf dich schießen.“ Und wenn das, also der, der eigene Bruder sagt, ja. Das war natürlich dann auch schon eine Qualität, wo ich sagte: „Wenn die Gesellschaftsordnung das schafft, solche Ansichten in Menschen zu pflanzen, auf den eigenen Bruder zu schießen, dann ist das jetzt zu Hause angekommen, was ich schon in der Schule hatte, später dann in der Lehre.“

Texttafel: Thomas Drescher wird Tischler und arbeitet in Berlin. Im Januar 1989 versucht er, gemeinsam mit einem Freund zu fliehen.

Wir sind dann da lang gekrochen, also diesen ganzen Weg, so 150 Meter. Und dann ging das alles ganz fix. Wir haben die Leiter rangestellt, ich bin hoch, habe die Leiter dann genommen und wollte sie rüberschmeißen. Und in dem Moment ging schon der Scheinwerfer an von so einem Turm. Der war vielleicht so 100, 120 Meter weiter weg. Und wir haben vorher auch ausgemacht – weil wir wussten, dass die vom Turm auch schießen, die haben ja so eine Reling gehabt und so, wenn sie uns anrufen – in der Zeit hätte wenigstens schon die zweite Leiter drüben liegen müssen und einer hätte schon rübergehopst sein müssen, weil sonst ist das Zeitfenster dann. Ja, und dann stand auf einmal ein Grenzer da mit einer Kalaschnikow. Der hatte so gezittert und sagte dann auf bestem Sächsisch: „Was macht denn ihr für ne Scheiße hier?“ Und wir halt: „Wir machen keine Scheiße, wir wollen nur frei sein. Wir wollen weg.“

Direkt hinter dem Gerichtsgebäude war eine Untersuchungshaftanstalt, die war aber nicht von der Staatssicherheit, sondern vom Ministerium des Inneren. Und da bin ich dann auf so eine Einzelzelle gekommen. Und da war ich auch ziemlich lange, ich glaube so sechseinhalb Wochen. Und das war schon wirklich eine harte Zeit.

Texttafel: Thomas Drescher wird zu 15 Monaten Haft verurteilt. Er kommt ins Gefängnis in Zeithain bei Riesa und muss dort in einem Stahlwerk arbeiten.

Und das war dann eine 7-Tage-Woche, 3-Schicht-System. Und wir mussten dann auch praktisch an das halbglühende Stahl da ran, also so ein Doppel-T-Träger, 14 Meter lang und die wurden auf so ein Kühlbett gelegt, so groß wie drei Volleyball-Felder. Und wurden dann immer mit so einem Schlepper zusammen und wir mussten ran und mussten Ketten rüberwerfen, damit das dann angebunden werden konnte. Später habe ich die Anlage dann bedienen müssen. Ich saß dann oben auf so einer Kanzel, hing da praktisch über der ganzen Hitze und unten liefen dann Leute herum, die ich durch einen Knopfdruck hätte fast umbringen können. Das war eine ganz schlimme Arbeit für mich, da gab es Verbrennungen. Weil die manchmal an ein Metall ranmussten mit so einem Stempel und so einem großen Hammer und mussten da Zahlen reinschlagen. Ja, dann hatten wir natürlich auch solche politischen Gespräche, gab es dann auch so Offiziere. Und der eine, der sagte einmal zu mir, das werde ich auch nie vergessen: „Ihr seid schlimmer als Vergewaltiger und Kindermörder.“ Und da habe ich ihn gefragt: „Wieso?“, also ich sag: „Ich habe keinem Menschen etwas zu Leide getan.“ Und dann sagte er: „Weil ihr die Revolution verraten habt.“

Wir hatten zum Beispiel einen Postenführer, den Obermeister Witte, der hat systematisch in der Nachtschicht – der hatte nur die Nachtschichten, der war Alkoholiker, das hat man gesehen, der hat auch eine Fahne gehabt und der war auch nebenbei noch Sadist – sich immer Leute rausgegriffen, die hat er dann in sein Büro genommen und hat die verprügelt. Und die kamen dann immer so fünf Minuten, zehn Minuten, manchmal eine Viertelstunde später zum Arbeitsplatz, das hatten wir ja dann gesehen und hatten aufgeplatzte Lippen oder ein blaues Auge oder so, das haben wir praktisch immer gesehen. Und diese Geräusche, wenn man auf jemanden einschlägt und derjenige wehrt sich nicht, das habe ich bis jetzt nicht vergessen.

Und viele Sachen, das haben wir in der, in der Schule gelernt, ja. So kann man nicht mit Menschen umgehen, die anders sind oder, oder die, die anders denken, das kann man nicht machen. Aber mit uns haben sie es gemacht. Wir waren ja auch gekennzeichnet. Es gab ja dann auch Kennzeichen, dass wir politische Gefangene sind. Also und immer wieder so dieser Gedanke, also ich war immer mehr fertig, also wo ich die Flucht unternommen habe, war mir das ja schon vollkommen klar. Aber ich hätte nie wieder zurückgekonnt. Also wenn man mich jetzt hätte die Strafe absitzen lassen, die Mauer wäre nicht gefallen, ich wäre wahrscheinlich sofort nach der Haftentlassung, hätte ich mir eine Leiter gekauft und hätte es sofort wieder probiert. Ich hätte in diesem großen Gefängnis DDR nicht mehr leben können. Dann lieber in diesem kleinen Gefängnis.

Texttafel: Thomas Drescher stellt im Gefängnis einen Ausreiseantrag, wird nach Karl-Marx-Stadt verlegt und im Oktober 1989 von der Bundesrepublik freigekauft.

Und dann sind wir nach Gießen gekommen. Da waren die Häuser, wo wir untergebracht waren, die hießen schon wie die neuen Bundesländer. Haus Thüringen, Haus Mecklenburg-Vorpommern. Man hat sich dann erst einmal gewundert, weil in der DDR war das ja anders gegliedert. Und das fand ich erst mal schon sehr zukunftsorientiert. Und da hatte man dann auch so verschiedene Stationen zu durchlaufen. Ich war dann auch beim ärztlichen Dienst und da hat man mich dann gefragt, ob ich psychische Probleme habe. Und da habe ich gesagt: „Nein, habe ich nicht.“ Habe dann aber später gemerkt, dass ich Verfolgungsängste hatte. Dann wo ich das erste Mal alleine nach Gießen, also als ich in die Stadt gelaufen bin, hatte ich immer das Gefühl, als wenn mich alle angucken. Das hatte ich ziemlich lange. Die Geräuschkulisse war für mich sehr schwer zu ertragen. Dass kleine Geräusche mich immer direkt abgelenkt haben, das habe ich aus dem Gefängnis mitgebracht. Aber ich habe halt die Hilfen nicht angenommen. Ich musste dann auch zum Bundesnachrichtendienst. Die Leute waren auch ziemlich schräg und ziemlich streng. Und da habe ich auch gesagt, dass mir die Fragen überhaupt nicht gefallen. Also die wussten zum Beispiel mehr von meiner Familie als ich selber. Also die haben mir aufgezählt, welche Halbgeschwister bei der SED waren und bei den Kampftruppen, was ich selber nicht wusste. Die wussten alles über meinen Vater, dass er Reisekader war, dass er nach Köln und nach Paris fahren durfte. Und wieso kommt es, dass ich so aus der Art schlage?

Texttafel: Thomas Drescher reist nach West-Berlin und erlebt dort den Fall der Mauer.

Ja, und dann bin ich früh, weil ich konnte nicht in West-Berlin bleiben. Ich hatte ja noch die neun Monate Gefängnis im Nacken, musste erst einmal alles verarbeiten. Ich wollte mich auch mit keinem treffen, ich wollte einfach meine Ruhe haben. Und bin dann mit dem ersten Zug nach Hamburg, früh gleich, und habe dann auch auf dem Kuhdamm gesehen, was da los ist, ich bin vom Bahnhof Zoo gefahren. Da war dann so eine Omi im Abteil, das weiß ich noch, die sagte: „Ach, das ist heute so ein schöner Tag.“ Und guckte mich so an und sie hat das irgendwie gemerkt, dass ich mich da nicht gefreut habe. Vielleicht hat sie gedacht, dass ich eigentlich einer bin von denen, die die DDR mit zu verantworten hatten, ich war ja noch ziemlich jung, es gab ja auch junge Leute. Aber auf jeden Fall hat die sich sehr gewundert darüber, dass ich nicht so erfreut war. Und ich bin dann nach Hamburg und bin dann von Hamburg weiter nach Bremervörde, liegt so zwischen Hamburg und Bremerhaven. Weil ich da eine Ziehtante hatte, die öfters mal auf mich aufgepasst hat, wo ich klein war. Da hatten wir noch Kontakt gehabt. Die sind auch in den 70iger Jahren rüber. Und habe mir dann da ein neues Leben aufgebaut in Bremervörde.

Und dann habe ich halt auch gemerkt, dass dann alles auf mich erst einmal gewirkt hat. Weil vorher war ich ja rastlos. Und dann kamen halt die Albträume, also fast jede Nacht. Und immer dieser Traum, dass ich immer wieder ins Gefängnis muss. Dass ich eine Rechtsstrafe habe und dass die mich abholen. Dass es eine Konterrevolution gibt. Immer wieder diese Angst dann, dass ich immer beobachtet werde. Dann, wenn ich eingekauft habe, alle gucken mich an: „Stimmt etwas nicht mit meinen Sachen oder so?“ Also immer dieses, was ich ja früher nicht hatte. Und dann gab es auch welche, die das so ein bisschen gemerkt haben, die Hilfe angeboten haben. Ich habe es als relativ junger Kerl, ich bin 22 geworden im Gefängnis, und ich meinte „Nein, also das brauche ich nicht. Ich komme da durch“. Es hat sehr lange gedauert und dann habe ich irgendwann gedacht, dass es weg wäre, aber es ist dann später aufgebrochen, zwanzig Jahre später dann. Durch einen Besuch in Hohenschönhausen – das hat ein Freund von mir irgendwie arrangiert, hat mich da hingebracht – ist es dann alles rausgebrochen. Das war nochmal eine schwere Zeit. Da habe ich mir dann bei Gegenwind in Berlin-Moabit Hilfe geholt. Habe dann auch angefangen, darüber zu reden, später dann auch öffentlich, wie ich es jetzt mache. Und dann habe ich gemerkt, dass es der richtige Weg ist, damit umzugehen. Und dass es mir dadurchbessergeht und andere auch etwas davon haben.


War die DDR meine Heimat? Also die Bäume, die Gegend hier, die Erlebnisse mit den Freunden ja. …aber den Staat als Heimat, also die DDR, das habe ich immer abgelehnt.

Biografie

Thomas Drescher ist 1967 geboren und wächst in Schildow, nahe der Grenze zu West-Berlin auf. Je älter er wird, desto stärker begehrt er gegen die Gängelei durch den SED-Staat auf. Er ist zwar Mitglied in der FDJ, aber nur, weil es alle so machen. Ärger gibt es regelmäßig, wenn er zu den öffentlichen Anlässen, zu denen alle im sogenannten Blauhemd der FDJ erscheinen sollen, diese Uniform nicht anzieht.

Für ihn ist es völlig ausgeschlossen, sich für drei Jahre zum Dienst in der Nationalen Volksarmee zu verpflichten, auch wenn er weiß, dass es ohne diese Verpflichtung keine Chance auf Abitur und Studium gibt. Irgendwann will er einfach nur noch weg aus der Enge der DDR.

Im Januar 1989 versucht er, mit einem Freund zu flüchten, doch sie scheitern und werden verhaftet. Er wird zu 15 Monaten Haft verurteilt, weil er versucht hat, die DDR illegal zu verlassen. Er kommt in die Strafhaftanstalt in Zeithain und muss im Stahlwerk harte körperliche Arbeit leisten. Hier erlebt er brutale Haftbedingungen. Einer der Wachmänner lebt regelmäßig in der Nachtschicht seinen Sadismus aus. Er holt irgendeinen Häftling und schlägt ihn zusammen. Die Geräusche, das Einschlagen auf einen wehrlosen Menschen, kann er seitdem nicht mehr vergessen.

Im Oktober 1989 wird er von der Bundesrepublik freigekauft. Thomas Drescher empfindet das als seine Rettung. Von den Protesten im Land und dem Beginn der Friedlichen Revolution hat er während der Haftzeit nichts erfahren. Endlich in Freiheit qualifiziert er sich zum Ausbilder und wird dann Pädagoge in einer Jugendhilfeeinrichtung in Brandenburg. Seit 2019 arbeitet Thomas Drescher als Gruppenleiter in einer Behindertenwerkstatt. Er lebt heute wieder in seinem Elternhaus in Schildow.